Anruf

Anruf
Hugo Hallhuber
Bequem zurücklehnen und anhören.

Ein kurzer Smalltalk zu Beginn des Bewerbungsgesprächs soll der Auflockerung dienen. Der Bewerber bekommt die Gelegenheit, sich an Raum, Zeit und den Gesprächspartner zu gewöhnen und ein bisschen ruhiger zu werden. Positive, kurze Statements bieten sich an. Beispielsweise: „Was für ein herrlicher Sonnenschein das heute ist!“. Und wenn es regnet? Na, dann nehmen wir eben: „Haben Sie gut hergefunden?“. Mein Gott, ist das oberflächlich. Aber wenn es denn hilft.

Bei meinem heutigen Gesprächspartner spielt mir der Zufall zu und ich sage nachdem wir Platz genommen haben: „Übrigens möchte ich Ihnen noch nachträglich zum Geburtstag gratulieren!“ Hugo Hallhuber schaut mich verdutzt an und sagt etwas knurrend: „Danke, aber das ist ja auch schon ein Weilchen her.“ Sollte ich mich vertan haben? Ich hatte mir notiert, dass er vorgestern Geburtstag hatte. Definiert er zwei Tage mit „ein Weilchen“? Haben wir unterschiedliche Zeitrechnungen? Nun gut. Dann haken wir den Versuch eines positiven Gesprächsauftaktes einfach ab und fangen mit wirklich wichtigen Fragen an. Als ich noch krampfhaft nach einem guten Anfang für einen Re-Start suche, legt Herr Hallhuber los und sagt: „Sie wollen bestimmt, dass ich meinen Lebenslauf noch einmal erzähle?“ Nein. Den habe ich mehrfach und intensiv gelesen. Ich weiß von Herrn Hallhuber, dass er jüngere Geschwister hat, dass sein Vater Beamter war und kenne seine schulischen Leistungen. Ich habe den roten Faden in seiner beruflichen Entwicklung nachvollzogen und seine Arbeitszeugnisse gelesen. Und er hat mir seine Hobbys aufgeschrieben. Von diesem Bewerber kenne ich mehr Lebenslaufdaten, als von einer Freundin. Also lehne ich dankend ab. Wir finden dann aber doch noch den Einstieg in ein ganz interessantes Gespräch. Ich klopfe ab, ob Herr Hallhuber als Vertriebsassistent zu unserer Gruppe „Junge Löwen im Vertrieb“ passt. Daher stelle ich auch die Frage: „Sind Sie teamfähig?“. Das ist ein Eigentor, denn die einzig richtige Antwort ist „ja“. Aber was soll er auch sonst sagen? Würde er mit „nein“ antworten, käme nur noch der Platz im Archiv im zweiten Untergeschoss in Frage. Fernab von Kollegen und Tageslicht. Aber was verbirgt sich genau hinter dem Begriff der Teamfähigkeit? An einer umfassenden Definition haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen. Was wollen wir Personaler mit dieser Frage abklopfen? Ist es die Zusammenarbeit mit Kollegen, die wir erfragen wollen? Oder vielmehr den Grad der Kompromissbereitschaft? Oder ist ein Mensch teamfähig, wenn er eine gesunde Mischung aus Nachgeben und Durchsetzen an den Tag legt? Wäre die treffendere Frage dann nicht: „Sind Sie verheiratet und wenn ja, wie lange schon?“. Hinter der Selbstverständlichkeit, mit der Herr Hallhuber die Frage nach der Teamfähigkeit bejaht, könnte sich aber auch ein Halbsatz verbergen, der ein ganz anders Licht auf ihn wirft. Was, wenn er „ja“ sagt und eigentlich meint: „Ja, wenn alle machen was ich sage, klappt es mit der Zusammenarbeit im Team.“ Zumindest wäre er dann für diese Gruppe im Vertrieb denkbar ungeeignet, denn zwei Alphamännchen habe ich dort schon.

Ich scheine heute nicht meinen besten Tag zu haben. Also halte ich mich an Standardfragen und sage: „Wen darf ich anrufen, wenn ich – Ihr Einverständnis vorausgesetzt – eine Referenz Ihrer Arbeitsleistung einholen möchte?“. Herr Hallhuber zögert kurz und meint dann, dass sein Freund und Kollege Lukas das wohl am besten einschätzen könnte. Großer Fehler! Sein Kollege darf die Arbeitsleistung von Herrn Hallhuber gar nicht bewerten. Das steht ihm nicht zu. Das ist Aufgabe seines ehemaligen Vorgesetzen. Nennt der Bewerber auf diese Frage eben nicht seinen Vorgesetzen als Ansprechpartner, lässt das mehrere Schlüsse zu. Vielleicht befürchtet er, dass der Vorgesetzte sich negativ äußern könnte, weil es nicht ganz so gut funktioniert hat. Oder er hat schlichtweg kein Vertrauen zu seinem Vorgesetzen, was auch in einem neuen Arbeits­verhältnis schwierig werden könnte. Oder aber der Vorgesetzte war wirklich mehr auf dem Golfplatz, als in der Firma und kann die Arbeitsleistung tatsächlich nicht beurteilen. Ist ja eigentlich auch egal. Ich kommentiere den Patzer nicht und frage routiniert und völlig emotionslos nach der Telefonnummer des Kollegen Lukas, der offensichtlich keinen Nachnamen hat. Ich staune nicht schlecht, als Herr Hallhuber mir außer der Ortsvorwahl, die sich mit der unseren deckt, weder die Telefonnummer seines ehemaligen Arbeitgebers, noch die Durchwahl des Kollegen nennen kann. Dabei war er doch bis vor vier Wochen dort beschäftigt.

Da ich für heute noch einen Vergleichskandidaten eingeladen habe, vertage ich den Part der Gehaltsverhandlung auf einen späteren Zeitpunkt und verabschiede Herrn Hallhuber. Als ich wieder an meinem Schreibtisch sitze, lasse ich mir das Gespräch noch einmal durch den Kopf gehen. Keine wesentlichen Höhen, aber auch keine Tiefen. Geht so. Dann fällt mein Blick auf mein Telefon. Ich zögere, aber dann greife ich, einem Bauchgefühl folgend, doch beherzt zum Hörer und rufe in der letzten Firma im Lebenslauf von Herrn Hallhuber an. Nicht bei seinem Kollegen Lukas, sondern bei der dortigen Personalleiterin Simone Sonntag. Ich kenne sie. Wir haben zusammen studiert und treffen uns bis heute sporadisch bei HR-Veranstaltungen, Fortbildungen oder IHK Abschlussprüfungen. Ich freue mich immer, sie zu sehen. Sie freut sich auch, mich zu sehen und wir verabreden uns jedes Mal auf einen Kaffee. Aber meist kommt etwas dazwischen und entweder sie oder ich müssen den Termin absagen. Das ist jetzt die Gelegenheit, mal nach den Kindern zu fragen; und vielleicht auch nach Herrn Hallhuber. Und genau so mache ich es dann auch. Als ich den Namen durchgebe, bittet mich Simone, diesen zu buchstabieren. Was hat sie denn an „Hallhuber“ nicht verstanden? Ich wundere mich, denn Simone hat genau die Fähigkeit, die mir fehlt; sie kann sich jeden Namen merken. Ich tu mich da unheimlich schwer. Auch Eselsbrücken sind nicht besonders hilfreich. „Sauerwein, wie Süßbier“, hat sich mir mal eine Dame vorgestellt. Nun, „Süßbier“ konnte ich mir bis zum nächsten Treffen merken. Dafür erkenne ich Gesichter immer und überall wieder. Man kann eben nicht alles haben. Auch meine Bekannte wird unruhig und fragt nach dem Geburtsdatum des Bewerbers, das sie noch während des Telefonats in ihre Datenbank eingibt. Als sie zusammenfasst, dass es das Datum gibt, aber der Name nicht auf der Gehaltsliste der letzten Jahre auftaucht, ist uns beiden klar, dass das Arbeitszeugnis gefälscht sein muss. Herr Hallhuber hat über drei Jahre in seinem Lebenslauf mit diesem gefälschten Zeugnis überbrückt. Es ist eine Weile stumm in der Leitung. Dann bittet mich Simone, ihr das Zeugnis, das ihre Unterschrift trägt, zu faxen. Sie will es zur Anzeige bringen. Immerhin ist Urkundenfälschung kein Kavaliersdelikt. Als ich das Zeugnis ins Faxgerät schiebe, sehe ich, dass Herr Hallhuber doch vor zwei Tagen Geburtstag hatte – zumindest steht das im ersten Absatz.

Tipp: Ich möchte eines vorsorglich klarstellen: ich frage zwar, von wem ich mir eine Referenz einholen kann, aber ich würde niemals tatsächlich bei einem ehemaligen Arbeitgeber anrufen. Das ist rein hypothetisch und geht allein schon aus rechtlichen Gründen nicht. Der Arbeitgeber hat nämlich gegenüber seinem Arbeitnehmer eine Verschwiegenheit zu wahren. Die einzige Beurteilung, die erstellt werden darf, ist das qualifizierte Arbeitszeugnis mit der Bewertung von Leistung und Verhalten. Und selbst das geht nicht an potenzielle neue Arbeitgeber, sondern wird dem scheidenden Arbeitnehmer ausgehändigt. Dieser kann nun entscheiden, ob und wie er es einsetzt. Und wie stünde ich auch da, wenn ich meine Personalentscheidungen nicht selbst treffen könnte und einen mir unbekannten Berufskollegen um Rat fragen müsste? Da liegt aber auch schon der Hase im Pfeffer. Wie schaut es aus, wenn mir der Kollege oder die Kollegin gar nicht so unbekannt ist? Wenn wir uns gut kennen? Auch wenn es gegen einige Regeln verstößt, dann ruft man schon mal während der Arbeitszeit an und fragt nach den Kindern. Und die Vornamen der Kinder, die kann sogar ich mir merken.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de