Bonsai

Bonsai
Erik Eberspächer
Bequem zurücklehnen und anhören.

Keine Chance. Eigentlich hat mein heutiger Gesprächspartner keine wirkliche Chance, die Stelle zu bekommen. Warum ich das schon vor dem Vorstellungsgespräch sagen kann? Nun, er ist ein B-Kandidat. Nach Durchsicht der eingereichten Unterlagen teilen wir die Bewerber, in zwei Gruppen. Es gibt mindestens einen A-Kandidaten, der fachlich geeignet ist und von dem man sich verspricht, dass es zu einer Vertragsunterzeichnung kommt. Und in B-Kandidaten, die ebenfalls fachlich geeignet, aber aus irgendwelchen Gründen nicht das Gelbe vom Ei sind. Kann sein, sie haben lange Kündigungsfristen einzuhalten und sind für uns nicht schnell genug verfügbar. Oder sie haben sehr hohe Gehaltsforderungen, denen wir nur zähneknirschend nachkommen wollen. Oder sie haben einen weiten Anfahrtsweg, der sie bereits am frühen Morgen nervlich angefressen zur Arbeit kommen lässt. Zum Gespräch laden wir zunächst unseren A-Kandidaten, unseren Wunschkandidaten, ein. Gewollt oder ungewollt setzt eine selbsterfüllende Prophezeiung ein, denn der Wunsch, ihn einzustellen lässt uns über Ungereimtheiten hinwegsehen, vorsichtig nachhaken und allzu große Toleranz walten. In Abgrenzung zum Top-Kandidaten laden wir auch zwei B-Kandidaten ein. So als Vergleich. Von ihnen versprechen wir uns nicht allzu viel, aber man kann ja nie wissen. Und jeder, der schon einmal einen Plan B gebraucht hat, weiß nur zu gut, von was ich spreche.

Fachlich passt Erik Eberspächer, mein heutiger Kandidat, zur ausgeschriebenen Stelle eines Junior Sales Managers. Es wird auch nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Es wird einen Einarbeitungsplan geben und dem Stelleninhaber wird ein älterer, erfahrener Kollege als Mentor zur Seite gestellt. Was der Bewerber mitbringen muss, sind eine Reihe von Soft Skills, von persönlichen Merkmalen. Er soll verkaufen. Und dafür braucht er eine positive Ausstrahlung, Durchsetzungskraft, Charisma und so weiter und so weiter. Und eben solche Eigenschaften werde ich bei Herrn Eberspächer vermutlich vergeblich suchen. Warum ich das annehme? Nun, zum einen hat er seinen Unterlagen, möglicherweise ganz bewusst, kein Bild beigefügt. Das muss er nicht und wir Arbeitgeber dürfen auch kein Bild einfordern. Soweit die Theorie, denn wir hätten schon ganz gerne ein Bild, um uns eben ein Bild zu machen. Den Zugang zur Bewerbung bekommt man über ein Bild. Ist so. Ich habe mehrfach ausprobiert, eine Bewerbung in Augenschein zu nehmen, ohne das Bild anzusehen. Es ist ungefähr so, als würde man Kindern, die mit glänzenden Augen auf die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum blicken, sagen, es gäbe jetzt Essen und morgen dürften sie die Geschenke öffnen.  Was aber viel schwerer wiegt sind die Hobbys, die Herr Eberspächer angegeben hat: in seiner Freizeit züchtet er Bonsaibäume und spielt Computerschach. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich einen jungen Mann bei strahlendem Sonnenschein in seinem Zimmer sitzen und Bäume schneiden, während er auf den nächsten Schachzug seines Computers wartet. Und das Kopfkino geht in die nächste Runde: vielleicht ist er dünn und bleich und trägt eine dicke Hornbrille? Und weil das nicht zu meiner Wunschvorstellung passt, ist er ein B-Kandidat. Als der Empfang durchklingelt und Herrn Eberspächer anmeldet, mache ich mich auf den Weg zum Besprechungszimmer. Durch die halboffene Tür sehe ich einen Mann wie aus dem Otto-Katalog. Groß, muskulös, braungebrannt, die Hemdsärmel lässig hochgekrempelt, die Knöpfe des Hemdes weit geöffnet. Als er mir die Hand reicht und freundlich sagt: „Erik Eberspächer – Sie müssen Frau Schumann sein! Freut mich sehr!“, bleibt mir die Spucke weg. War etwas in meinem Kaffee? Habe ich einen Tagtraum? Kann ich mich so irren? Verdutzt frage ich „Waren Sie im Urlaub? Sie sind so braungebrannt.“ Und damit verzeichne ich den mit Abstand dümmsten Einleitungssatz meiner Karriere. Er aber erzählt gelassen, dass er gerne Tennis spielt und die letzten Tage beim Surfen war. Fast so, als solle es zu meiner Ehrenrettung beitragen sage ich: „Davon stand aber nichts in Ihrem Lebenslauf.“ Und er sagt schmunzelnd: „Tennis, Surfen, Klavierspielen – das schreiben doch vermutlich alle rein.“ „Und da wollten Sie einfach mal kreativ sein und was anderes schreiben?“ „Wenn es denn stimmt.“ Und dann erzählt er, dass er seinem Großvater versprochen hat, sich nach dessen Tod um die Bonsaibäume zu kümmern, was er bis heute tut. Und Computerschach spielt er, weil es in seinem Schachclub keinen adäquaten Gegner mehr für ihn gibt. Er erzählt mit großer Bescheidenheit, kein bisschen überheblich und gerade das lässt ihn glänzen. Er versteht es, eine Botschaft zu senden, ohne dabei aufdringlich zu sein. Damit verfügt er über eine Fähigkeit, die andere in Seminaren erst mühsam lernen müssen. Herr Eberspächer hat eine verbindliche Art, eine angenehme Stimme, eine großartige Ausdrucksweise und bleibt dabei stets höflich reserviert, statt aufdringlich fordernd. Obwohl, gerade schaut er mich fordernd an. Habe ich was gefragt? Hat er was gefragt? Ich bin nicht bei der Sache, denn ich bin hin und hergerissen. Mein Plan war, kurz mit ihm zu sprechen, zu erkennen, dass es zu meinem A-Kandidaten keine echte Alternative gibt und Herrn Eberspächer dann freundlich abzusagen. Und gerade werden die Karten neu gemischt, denn mein A-Kandidat hat eine sehr hohe Gehaltsforderung gestellt, der ich nur ungern nachkommen möchte. Und nun spielt mir der Zufall völlig unerwartet diesen Top-Mann vor die Füße. Krass.

Als Herr Eberspächer wenige Tage später den Arbeitsvertrag unterzeichnet und ein Exemplar sorgfältig in seine Tasche packt, sagt er: „Bislang konnte ich nach einem Gespräch immer genau sagen, ob ich die Stelle bekommen werde, oder nicht. Nur bei Ihnen war ich mir unsicher.“ Das liegt wohl daran, dass ich noch im Gespräch den Kurs gewechselt habe. Aber das sage ich nicht, sondern quittiere den Satz mit einem Lächeln.

Der Tipp: Natürlich wollen wir Personaler wissen, wie ein Mensch seine Freizeit gestaltet. Nicht nur weil wir per se neugierig sind, sondern weil sich daraus Schlüsse ziehen lassen. Im Positiven wie im Negativen. Spielt jemand beispielsweise in seiner Freizeit in einer Mannschaft, wird die Frage nach der Teamfähigkeit quasi schon beantwortet. Wer sich freiwillig in einer Gruppe organisiert, wird auch im Berufsalltag mit Kollegen zusammenarbeiten können. Grundsätzlich aber sehen wir Personaler kritisch auf die Freizeitgestaltung. Bei dem Stichwort „Turniertanz“ beispielsweise sehe ich Krankenscheine wegen kaputter Bänder und Knochen auf mich zukommen, einen hohen Bedarf an teurer Tanzkleidung und zeitintensive Trainingsabende und Turniere in fernen Städten. Relativiert wurde dieses Szenario, als die Bewerberin mir erzählte, dass sie nicht mehr aktiv tanzt und sich stattdessen um die Nachwuchsgruppe kümmert. Sieht schon ganz anders aus. Deshalb empfiehlt es sich, die Hobbys nicht in den Lebenslauf zu schreiben. Besser, man lässt die Frage „Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?“ im Vorstellungsgespräch auf sich zukommen. Hier hat man die Möglichkeit zu erklären, zu relativieren oder im besten Fall eine Gemeinsamkeit zu finden.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

1 Kommentar zu „Bonsai

  1. Vielen lieben Dank für die herrliche Geschichte. Hört sich nach einem echten Vorzeige-Schwiegersohn an. 🙂 Freue mich jeden Montag auf deine Erzählungen. Sie sind so herrlich und da kann man nur gut in die neue Woche starten.