Doppelpack

Doppelpack
Stanislav Walther
Bequem zurücklehnen und anhören.

Mann, ist das ärgerlich! Ich wurde bei einem auswärtigen Termin aufgehalten und dann bin ich auch noch denkbar schlecht durch den Verkehr gekommen. Und nun müsste mein heutiger Bewerber schon seit 10 Minuten hier sein. Ist er wahrscheinlich auch, denn auf dem Besucherparkplatz vor dem Hauptgebäude sehe ich ein fremdes Fahrzeug ohne Firmenaufschrift. Da achte ich für gewöhnlich nicht drauf, aber der rosarote, in die Jahre gekommene, Ford Fiesta sticht mir doch ins Auge. Das Auto könnte zu einer jungen Auszubildenden passen, die als Kind dachte, wenn sie sich entsprechend in rosa Tüll kleidet, wird sie schon eines Tages Prinzessin werden. Aber ich erwarte heute einen Mann mittleren Alters, der sich als LKW-Fahrer beworben hat. Der wird wohl kaum so eine rosarote Nuckelpinne fahren. Ich haste die Treppe hoch zu meinem Büro und meine Sekretärin empfängt mich, sichtbar erleichtert über mein Erscheinen, mit den Worten: „Sie sitzen schon im Besprechungszimmer und haben einen Kaffee. Soll ich Ihnen auch etwas bringen?“ „Wieso sie?“ frage ich kurz, warte eine Antwort aber nicht ab, sondern wende mich schon in Richtung Besprechungszimmer. Noch länger will ich den Bewerber nicht warten lassen. Als ich die Tür öffne und mit aller Freundlichkeit einen Gruß hineinrufe, sehe ich, was meine Sekretärin mit „sie“ gemeint hat. Vor mir sitzen mein Bewerber und eine Frau. Seine Frau, wie sie mir mit den Worten. „Guten Tag, ich bin Ludmilla. Ludmilla Walther. Das ist Mann.“ Dabei zeigt sie auf einen Mann, der zwar stämmig ist und von den Schultern her kräftig, momentan aber zusammengekauert auf dem Stuhl sitzt, wie ein Schuljunge, den man beim Abschreiben erwischt hat. Er schafft es kaum, den Blick von der Tischplatte zu heben. Was geht hier ab? Beherzt und noch immer über die Maße freundlich sage ich: „Danke, dass Sie Ihren Mann hierher begleitet haben. Sie können bei meiner Sekretärin Platz nehmen“. Doch ich habe die Rechnung ohne Frau Walther gemacht. Blitzschnell entgegnet sie: „Mann kann nicht gut deutsch. Ich rede!“ Das wundert mich jetzt, denn soweit ich mich erinnere, ist Stanislav Walther als Kind aus Kasachstan nach Deutschland gekommen und hat einen Realschulabschluss gemacht. Normalerweise bereite ich mich auf einen Bewerber vor, indem ich in der halben Stunde bevor er oder sie kommt noch einmal den Lebenslauf anschaue und das Motivationsschreiben durchlese. Daraus ergeben sich oftmals schon Fragen, die es dann im Gespräch zu klären gilt.  Heute konnte ich eben diese Vorbereitung, dieses Einschießen auf den Bewerber, nicht machen. Dabei wäre es wichtig gewesen. Da ich im Zuge des Auswahlverfahrens viele Bewerbungen gelesen habe und mir nicht sicher bin, blättere ich die Unterlagen durch, finde den Abschluss der Mittleren Reife und frage: „Ihr Mann hat doch einen Schulabschluss in Deutschland gemacht. Und da spricht er kein Deutsch?“ „Nein.“ Ist die knappe Antwort von Frau Walther und sie sagt dieses eine Wort so, dass es keinen Widerspruch duldet. Gleichzeitig bietet sie an, für ihren Mann zu sprechen. Ich glaube, ich bin im falschen Film. 

Das Gespräch läuft auch sehr schwierig an. Zugegeben, das hatte ich auch noch nie, dass die Ehefrau mit ins Gespräch kommt. Die Mutter war schon bei einem minderjährigen Schulabgänger, der sich um einen Ausbildungsplatz bewirbt, dabei. Das ist in Ordnung. Aber selbst da ist es wichtig, den jungen Menschen auch ohne Erziehungsberechtigten zu sprechen. Das geht im Rahmen eines Probearbeitstages ganz zwanglos. Und ich habe mehr als einmal erlebt, dass die Aussagen dann nicht mehr so ganz mit denen der Mutter übereinstimmen. Das heutige Gespräch ist schon rein technisch schwierig, denn ich stelle Herrn Walther eine Frage, spreche angespannt langsam und deutlich, formuliere kurze Sätze, warte auf eine Antwort – doch er reagiert gar nicht und von der Seite schallt es lautstark. Ich frage, Ludmilla antwortet. Das ist doch Kindergarten. Frau Walter ist auch nicht gerade eine angenehme Gesprächspartnerin; sie ist ein Drache. Und das meine ich nicht in Anlehnung an das chinesische Horoskop. Und mir fällt auf, dass sie für ihren Mann gar nichts übersetzt. Sie antwortet selbst auf meine Fragen. Das wird ja immer besser. Als ich mir Gedanken mache, wie ich diese schreckliche Person aus dem Raum bekomme, spielt mir der Zufall zu. Frau Walther muss auf die Toilette. „Aber selbstverständlich!“ säusle ich. „Da gehen Sie hier aus dem Zimmer und zwei Treppen runter, alternativ können Sie auch den Aufzug nehmen. Dann den langen Gang entlang bis kurz vor dem Ende. Da nehmen sie die linke, nein, die rechte Tür. Vorsicht, das ist eine Feuertür, die geht sehr schwer auf. Sie gehen über den Hof in das nächste Gebäude und folgen immer den Schildern „Einkauf“ bis Sie an eine Glastür kommen. Dann sehen Sie rechts die Hinweisschilder zu den Toiletten.“  Frau Walther schaut mich an, als hätte ich ihr die Lottozahlen von Samstag gesagt. Ich hingegen hole meine Sekretärin und bitte Sie: „Würden Sie Frau Walther bitte zur Toilette im Einkauf begleiten?“ Sie schaut mich fragend an und hakt nach: „Warum nicht die Toilette in unserer Etage?“ „Weil da doch die Spülung seit heute defekt ist!“ sage ich knapp und zwinkere ihr zu. Sie spielt mit und sagt: „Stimmt, das hatte ich ja ganz vergessen. Na, dann kommen Sie mal mit, Frau Walther!“

Puh, die bin ich los. Und dann führe ich mit Herrn Walther das wohl kürzeste Vorstellungsgespräch aller Zeiten. Als ich überleite und ihn frage, ob er die Aussagen seiner Frau noch ergänzen will, ergibt sich folgender Dialog:

Er:
„Natürlich spreche ich deutsch. Ich kenne die Gegend gut. Und ich kann zupacken.“

Ich:
„Und warum sagen Sie das nicht einfach?“

Er:
„Versuchen Sie mal, gegen meine Frau anzukommen.“

Ich:
„Stimmt. Was haben Sie bisher verdient?“

Er:
„2.800 EUR und Weihnachtsgeld.“

Ich:
„Das zahlen wir auch. Wollen Sie bei uns anfangen?“

Er:
„Ja.“

Ich:
„Wann?“

Er:
„Gleich morgen, sonst muss ich noch das Wohnzimmer streichen.“

Ich:
„In Ordnung. Morgen, 07:00 Uhr.“

Ich überschlage kurz die Wegstrecke, die ich Frau Walther aufgebürdet habe. Das müsste reichen. Ich biete Herrn Walther an, auf die Terrasse zu gehen und eine Zigarette zu rauchen, was er dankend annimmt. Dann flitze ich in mein Büro, rufe den Vordruck eines Arbeitsvertrages auf und trage in Windeseile die Adressdaten von Herrn Walther ein. Zudem das morgige Datum als Arbeitsbeginn und die vereinbarte Entlohnung. Drucken. Klar, dass ausgerechnet jetzt das Papier ausgehen muss. Bis ich den Arbeitsvertrag und das Duplikat in der Hand habe, verstreichen gefühlte Ewigkeiten. Als ich wieder ins Besprechungszimmer komme, sitzt Herr Walther schon auf seinem Stuhl. Ich reiche ihm einen Kugelschreiber und sage aufmunternd: „So, dann müssen Sie nur noch den Arbeitsvertrag unterschreiben.“ Dabei komme ich mir schlecht vor, denn normalerweise kann der Bewerber einen Arbeitsvertrag sogar mit nach Hause nehmen und in aller Ruhe lesen oder prüfen. Aber in diesem ganz speziellen Fall habe ich die Zeit nicht. Herr Walther blättert zu meiner großen Verwunderung direkt die letzte Seite auf und unterschreibt beide Exemplare. Jetzt frage ich doch zurück: „Wollen Sie den Vertrag nicht durchlesen?“. Er will nicht. Weiter komme ich nicht, denn plötzlich wird die Tür aufgerissen und Frau Walther stürmt herein. „Alles fertig“, knurrt ihr Mann. „Haben noch nicht Geld gesprochen!“, wehrt sie ab. „Doch. Alles fertig!“, sagt ihr Mann knapp. Bevor ich Zeugin eines handfesten Ehekrachs werde, schiebe ich nach, dass Herr Walther gleich morgen bei uns anfangen wird. „Geht nicht!“, ruft Frau Walther verzweifelt. „Mann muss erst Wohnzimmer streichen!“

Statt Tipp: Im Grunde habe ich mit dieser Einstellung nicht nur einen Mitarbeiter unter Vertrag genommen, sondern ich kann auch eine gute Tat verbuchen. Wenn man es objektiv betrachtet, gebe ich ab morgen Herrn Walther jeden Tag Asyl. Er darf das Haus verlassen und zu uns zur Arbeit kommen. Er wird den LKW beladen und sich auf den Weg zum Kunden machen. Dabei wird er sich wie der König der Landstraße fühlen. Am Abend wird er mit dem Fahrrad nach Hause radeln, denn das Familienauto hat seine Frau. Und Ludmilla Walther wird sich – ihrem Naturell entsprechend – gut um ihren Mann kümmern und ihm jeden Tag ein großes Vesper mitgeben.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de