Flirtversuch

Flirtversuch
Evangelos Kyriakidis
Bequem zurücklehnen und anhören.

Seit Jahren schon geistert ein Gespenst durch die Arbeitswelt und versetzt Unternehmer und Personaler gleichermaßen in Angst: der Fachkräftemangel. Branchenübergreifend hört man die Klage, dass man kaum noch geeignete Fachkräfte am Markt bekommen kann. Am lautesten schreien gerade diejenigen, die nicht selbst ausbilden. Sie sorgen sich nicht um den eigenen Nachwuchs und wundern sich, dass nichts nachkommt. Dabei wäre es so einfach, diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Man müsste nur etwas Weitblick an den Tag legen. Von diesem Missstand mal abgesehen sind gute Mitarbeiter immer auf dem Arbeitsmarkt vergriffen. Wir Personalverantwortlichen haben aber längst eine Antwort auf die knappen Beschaffungsmöglichkeiten gefunden: wir arbeiten Hand in Hand. Networking nennt man das inzwischen ganz wertneutral. Und wenn es gut läuft, können alle davon profitieren. Die Zusammenarbeit mit meiner ehemaligen Studienkollegin Heike Sauer läuft beispielsweise gut. Wir sind viele Jahre nach dem Studium in derselben Branche gelandet und bemühen uns um dieselben Mitarbeiter auf einem abgegrasten Arbeitsmarkt. Dennoch stehen wir nicht in Konkurrenz zueinander. Was uns unterscheidet, ist die Betriebsgröße. Sie ist gemeinsam mit ihrem Mann in das inhabergeführte Unternehmen seines Vaters eingestiegen. Dort erledigt sie alle anfallenden Personalangelegenheiten für ca. 70 Mitarbeiter inkl. Lohn- und Gehaltsabrechnung. Ich bin Personalleiterin in einem Betrieb mit 450 Mitarbeitern, habe aber drei Mitarbeiterinnen, die mit mir an einem Strang ziehen. Der kleinste gemeinsame Nenner zwischen Heike und mir ist die Gewinnung von Fachkräften. Und eben diese spielen wir uns gegenseitig zu. So habe ich regelmäßig Bewerbungsläufe und treffe auf potenzielle Bewerber. Da in der Regel nur ein Kandidat für die Besetzung einer Stelle zum Zuge kommen kann, müsste ich oftmals guten Leuten absagen. Und genau das mache ich nicht, sondern ich leite sie – ihr Einverständnis vorausgesetzt – an meine Berufskollegin weiter. Eine Win-Win-Situation. Heike weiß, dass ich ihr niemanden empfehlen würde, den ich nicht auch selbst einstellen würde, und kommt so spielend leicht an geeignete Mitarbeiter. Und im Gegenzug leitet sie mir ehrgeizige Mitarbeiter weiter, die sie im Familienbetrieb aufgrund von fehlender Entwicklungsmöglichkeiten oder mangelndem finanziellen Spielraum bei der Vergütung nicht halten kann.

Heute habe ich einen solchen Bewerber aus unserem Netzwerk im Gespräch. Evangelos Kyriakidis hat eine Ausbildung zum pharmazeutisch-technischen Assistenten gemacht, aber sehr bald sein Talent als Produktberater für Medizingeräte im Außendienst erkannt. Er ist zielstrebig und ehrgeizig und will weiter auf der Karriereleiter emporklettern, als es der Betrieb von Heikes Schwiegervater zulässt. Mehr weiß ich bislang nicht von ihm und das ist auch so gewollt. Weder Heike noch ich wollen dem jeweils anderen seine Kompetenz absprechen und geben neben der Empfehlung nur wenige Kennziffern mit. Das zeugt von gegenseitigem Respekt, denn trotz der unterschiedlichen Betriebsgrößen, in denen wir agieren, arbeiten wir auf Augenhöhe.

Das Äußere von Herrn Kyriakidis irritiert mich ein bisschen. Er ist barfuß in weichen Mokassins, trägt eine schwarze Lederhose und hat sein Hemd bis zum dritten Knopf geöffnet. Dadurch wird der Blick auf die behaarte Brust und eine schwere Goldkette mit überdimensionalem Anhänger frei. Bei genauem Hinsehen erkenne ich in dem Anhänger einen Skorpion. Am Outfit werden wir auf jeden Fall arbeiten müssen, denn wir haben einen guten Ruf in der Branche und werden unsere Außendienstmitarbeiter nicht ohne Socken zum Kunden entsenden. Aber gut.

Beschwingt beginne ich das Gespräch: „Herr Kyriakidis, schön, dass Sie heute gekommen sind. Sie sind ja auf Empfehlung von Frau Sauer hier. Haben Sie denn einen Lebenslauf mitgebracht?“ “Nein, ich habe leider keinen Lebenslauf dabei. Aber Heike wird dir bestimmt einiges über mich erzählt haben.“, sagt er und grinst mich an. Ich atme tief ein, reiße ungewollt die Augen auf und gleichzeitig heben sich meine Augenbrauen, denn da ist es wieder: dieses ungefragte und despektierliche „du“, das in der Arbeitswelt eben so gar nichts zu suchen hat. Während ich mich entscheide, die allzu persönliche Anrede einfach großzügig zu überhören, hebt Herr Kyriakidis an und sagt bestimmend: „Du, die Atmosphäre hier im Besprechungszimmer ist doch sehr steril. Lass uns zum Italiener rübergehen. Und dann können wir immer noch entscheiden, ob wir zu dir oder zu mir gehen.“

Damit hat er das Ende der Toleranz erreicht und ich sage reflexartig und ebenfalls sehr bestimmt: „Erstens bleiben wir im Besprechungszimmer und zweitens beim Sie.“ Sichtbar erstaunt über diese barsche Anordnung spielt er am Anhänger seiner Kette, legt den Kopf etwas zur Seite, lächelt und sagt: „Ach komm. Ich weiß doch, dass du es kurz und knackig magst.“ So, das reicht. Ich drücke auf den Knopf der Gegensprechanlage in der Tischmitte und bitte meine Sekretärin, Herrn Wagner kommen zu lassen. „Wer ist Herr Wagner?“ will Herr Kyriakidis wissen. „Das werden Sie gleich sehen – gedulden Sie sich einen Moment.“, gebe ich etwas unterkühlt zurück. Wenn ich will, habe ich den Charme eines Eisschranks. Und im Moment will ich ein Eisschrank sein! Es dauert auch nicht lange, bis es flüchtig an der Tür klopft und ohne auf eine Aufforderung zu warten, ein großer, kräftiger Mann mit breiten Schultern eintritt. Breitbeinig und mit verschränkten Armen bleibt er im Raum stehen. Mimik, Gestik, Haltung und Uniform des Hünen lassen das Grinsen im Gesicht meines Gegenübers erstarren. Ich nutze den Moment und sage trocken: „Darf ich vorstellen: Herr Wagner vom Sicherheitsdienst. Er wird Sie hinausbegleiten.“

Ich bleibe fassungslos zurück. Das glaubt mir doch keiner. Bei einer Tasse Kaffee sortiere ich mich neu und rufe Heike an. Ich erzähle in knappen Sätzen, aber unter Verwendung der exakten wörtlichen Rede, was sich da in meinem Besprechungszimmer soeben abgespielt hat. Erst ist es ganz still am anderen Ende der Leitung, doch dann prustet Heike in den Hörer und lacht schallend. Tatsächlich hat sie auch eine Erklärung für die Scharade, die Herr Kyriakidis da eben abgezogen hat. Sie selbst war diejenige gewesen, die ihm den Tipp gab, er solle bei mir gleich zur Sache kommen. Gemeint hat sie allerdings, er solle ausnahmsweise sein übliches Süßholzraspeln lassen und meine Fragen kurz und knackig beantworten. Na, das ging ja mal gründlich daneben. Ob ich Herrn Kyriakidis eine zweite Chance gebe, will sie von mir wissen. Aber ich verneine. Ich will mir und ihm diese Peinlichkeit ersparen. Auch wenn es ganz klar ein Missverständnis war, ein fahler Nachgeschmack bleibt.

Der Tipp: Firmen, in denen hierarchieübergreifend geduzt wird, wollen damit zum Ausdruck bringen, dass sie sich nicht hinter Rang und Titel verbergen und quasi eine große Familie sind. Ob das immer so von Vorteil ist, wird spätestens in dem Moment fraglich, wenn ein Vorgesetzter gezwungen ist, den Mitarbeiter zu rügen. Das geht mit dem Sie und der dazu nötigen Distanz deutlich besser. Und sich zu siezen ist auch nicht unbedingt weniger wertschätzend. Ganz im Gegenteil. Anders verhält es sich freilich mit dem kollegialen „du“ unter gleichgestellten Kollegen. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

1 Kommentar zu „Flirtversuch

  1. Hallo Sabine,

    … du hast heute morgen wieder für Erheiterung bei mir gesorgt ;-).

    So etwas habe ich tatsächlich noch nicht erlebt!

    Ich wünsche dir eine schöne Arbeitswoche.

    Liebe Grüße
    Michaela