Fußball

Fußball
Benjamin Altenhoff
Bequem zurücklehnen und anhören.

Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Mensch etwas ganz besonders gut kann. Meine Freundin beispielsweise kann sich extrem gut Zahlen merken. Während ich die zweistellige Nummer der Pizza, die ich bestellen möchte, bereits in dem Moment vergessen habe, in dem der Kellner bei uns am Tisch steht und nach eben dieser Kennziffer fragt, kann sie noch Wochen später sagen, dass die 74 etwas zu salzig, die 39 aber sensationell war. Bankverbindungen, Telefon- und Handy­nummern und Autokennzeichen – für sie alles kein Problem. Dass sie zwar eine beneidenswerte Fähigkeit hat, dennoch aber kein Übermensch ist, zeigt sich darin, dass sie einen guten Spielfilm schon mal so beschreibt: „Den kennst du bestimmt! Da spielt der bekannte Schauspieler mit, der mit dem Dreitagesbart, der immer mit der Blonden zusammenspielt.“ Ein Titel wäre hier hilfreich, aber den weiß sie natürlich nicht. Und weil ich den vermeintlich guten Film dann doch auch sehen möchte, taste ich mich durch gezieltes Nachfragen Stück für Stück an den Titel heran. Es wäre so einfach.

Ich hingegen kann mir nicht nur Titel von besonders guten Spielfilmen merken, sondern vor allem Gesichter. Und ich kann sie immer und überall wiedererkennen. Jedes Gesicht hat irgendetwas Markantes. Das kann die Anordnung der Schneidezähne oder ein charmantes Grübchen am Kinn sein. Breite Nasenflügel oder ein besonders hoher Haaransatz. Geschwungene Augenbrauen oder tief leuchtende Augen. Was mir hingegen schwerfällt ist die Zuordnung zu Ort und Zeit. Der Prozess läuft dann folgendermaßen ab: Kenne ich – aber woher? So hat jeder seine Begabung. Was aber, wenn man auf jemanden trifft, der die gleiche Fähigkeit besitzt, aber einen Schritt voraus ist?

Ich hole meinen heutigen Bewerber, Benjamin Altenhoff, im Wartebereich ab. Als er mich sieht, springt er kraftvoll aus den tiefen Ledersesseln, streckt mir die Hand entgegen und sagt: „Hallo Frau Schumann. Schön, dass wir uns hier treffen!“ Ich stutze ob der eigenartig vertrauten Begrüßung. Er bemerkt meine Skepsis und er legt nach: „Wir kennen uns doch!“. Nein?! Ich schaue angestrengt in das Gesicht des Mannes. Die seidig glänzende Haut wäre mir aufgefallen, die tief blauen, interessiert funkelnden Augen auch, zumindest aber die markante, hufeisenförmige Narbe an der rechten Schläfe. Nach Bruchteilen von Sekunden bin ich mir sicher, dass ich dieses Gesicht noch nie gesehen habe. Gerade so, als wolle er mir auf die Sprünge helfen, sagt Herr Altenhoff: „Wir kennen uns vom Fußball. Ich trainiere Ihren Sohn. Wissen Sie, ich kann mir Gesichter gut merken; auch die von Müttern.“ Touché!

Zu meiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass für gewöhnlich mein Mann unseren Sohn zum Fußballtraining fährt, weil ich zeitgleich unsere Tochter zum Reitstall begleite. Vielleicht habe ich ihn ein oder zwei Mal auf dem Platz abgeliefert. Etwas trotzig merke ich an: „Der Trainer meines Sohnes heißt, soweit ich weiß, Johnny.“ „Ja, das stimmt. Die Jungs nennen mich Johnny. Das klingt cool. Bei Benjamin hängen sie halt nur zu gerne Blümchen dran. Und Sie haben keine Vorstellung davon, wie es sich anhört, wenn auf dem Platz knapp 20 Jungs törrööö brüllen.“, gibt er schmunzelnd zu. Als wir das Besprechungszimmer erreichen, ist der Weg frei für ein Vorstellungsgespräch der ganz anderen Art. „Johnny“ oder „Benjamin“ oder „Herr Altenhoff“ ist mir überaus sympathisch und statt mit ihm seinen Lebenslauf durchzugehen, Aufgabengebiete ehemaliger Beschäftigungsverhältnisse zu eruieren oder seine Motivation zu erfragen, sprechen wir über Fußball. Ich erzähle, wie gerne und ambitioniert mein Sohn Fußball spielt und dass er sich immer schon am Abend zuvor aufs nächste Training freut und ich deute unverhohlen an, dass er sich als Torwart ausprobieren möchte. Herr Altenhoff räumt ein, dies schon im nächsten Fußballferiencamp zu berücksichtigen. Er erzählt von schönen Szenen aus dem Training und seiner wundervollen Aufgabe als Fußballtrainer der E-Jugend. Wir lachen gemeinsam und trinken unseren Kaffee bis urplötzlich meine Sekretärin anklopft und meinen nächsten Gesprächspartner anmeldet. Was war passiert? Wir sind aus dem Plaudermodus, der sog. Smalltalkphase, nicht herausgekommen und in ein Zeitloch gefallen. Dennoch bin ich diejenige, die sagt: „Das war jetzt mal ein tolles Gespräch!“ und das bejaht Herr Altenhoff vehement. Für ihn ist es tatsächlich gut gelaufen. Ich hatte keine Gelegenheit genutzt, ihn auf seine häufigen Jobwechsel anzusprechen und die Hintergründe dafür in Erfahrung zu bringen.

Als ich am Nachmittag wieder an meinem Schreibtisch sitze und meine Notizen vervollständigen möchte, stelle ich fest, dass ich bzgl. Herrn Altenhoff nichts habe – rein gar nichts. Das rächt sich schon am nächsten Tag, als ich Mitgliedern des Betriebsrates erläutern muss, weshalb wir einen externen Bewerber – nämlich Herrn Altenhoff – einem internen Bewerber vorziehen sollten. Beherzt werfe ich in die Waagschale „Herr Altenhoff ist fachlich geeignet, hat bei renommierten Firmen gearbeitet, ist teamfähig und hat Charisma.“ Das ist die nette Form von: „Wir haben es hier mit einem Job-Hopper zu tun.“ Tatsächlich liest sich der Lebenslauf von Herrn Altenhoff gar nicht gut. Er hat in fünf Jahren in vier Firmen gearbeitet. Das ist alles andere, als eine gute Bilanz. Wer oft und häufig den Job wechselt, vermittelt Instabilität. Mehr noch: im Grunde heißt das doch, dass er entweder sofort hinwirft, wenn es mal schwierig wird oder dass er sich von den Wechseln verspricht die Karriereleiter schneller emporzuklettern. Auf jeden Fall lässt ein derart häufiger Wechsel vermuten, dass er auch bei uns keine Rente beantragen wird. Jeder Berufskollege würde von einer Einstellung Abstand nehmen. Ich hingegen rede mir die Situation schön, indem ich mir selbst vorgaukle, dass ein Job Hopper auch ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit mitbringt und mit mehr Erfahrung aus anderen Firmen aufwarten kann, als Arbeitnehmer, die weniger Jobwechsel in kurzer Zeit hatten. Zwei Tage nach unserem Gespräch begleite ich meinen Sohn zum Fußballtraining. Ich schaue mir die Übungseinheit und das kurze Spiel unter Personalauswahlkriterien an. Mir gefällt, wie Johnny, alias Herr Altenhoff, mit seinen Jungs umgeht. Er weiß, wen er wie ansprechen muss. Mal agiert er mit viel Überzeugungskraft, mal mit Strenge. Und am Ende hatten alle ihren Spaß und klatschen sich ab. Als die Jungs in der Umkleidekabine verschwunden sind, nutze ich die Gelegenheit und spreche Herrn Altenhoff doch noch einmal auf die häufigen Jobwechsel an. Zu meinem Erstaunen gibt es für alle Stellenwechsel eine nachvollziehbare Erklärung. Eine Firma ist in die Insolvenz gegangen, bei einer zweiten war er projektbezogen eingestellt und es gab keine Möglichkeit der Weiterbeschäftigung. In seiner jetzigen Beschäftigung scheitert es letzten Endes am Fahrtweg. Durch eine Großbaustelle auf der Autobahn verlängert sich seine morgentliche Anfahrtszeit auf eineinhalb Stunden. Durch den ebenfalls stark erschwerten Rückweg würde er sein geliebtes Fußballtraining verpassen. Grund genug für ihn, den Arbeitgeber erneut zu wechseln. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Wenn alles gut geht, findet Herr Altenhoff bei uns genau die Stelle und die Rahmenbedingungen vor, die er gesucht hat.

Eine Woche später bekommt Herr Altenhoff vom Betriebsrat grünes Licht und von mir eine Zusage. Und meinem Sohn kaufe ich Torwarthandschuhe, denn er hat den begehrten Platz für das Torwarttraining im Fußball-Sommercamp bekommen.

Der Tipp: Bei jeder Stellenbesetzung stellt sich die Frage, ob man einen internen Mitarbeiter oder einen externen Bewerber einsetzen soll. Beide bringen Vorteile. Der Mitarbeiter aus den eignen Reihen kennt den Betrieb und die internen Abläufe bereits und kann sehr zeitnah versetzt werden. Der externe Bewerber hingegen bringt ein breiteres Wissen und Erfahrungen aus anderen Betrieben mit. In puncto Motivation ist strittig, ob die Signalwirkung, dass man intern aufsteigen kann, motivierend auf Mitarbeiter wirkt, oder die Demotivation groß ist, wenn ein ehemaliger Kollege plötzlich zum eigenen Vorgesetzten mutiert. Der entscheidende Punkt ist aber, dass sich immer neue Lücken auftun, wenn wir einen internen Mitarbeiter aus seinem bisherigen Arbeitsgebiet nehmen, während wir bei einem externen Bewerber die entstandene Lücke nur ein einziges Mal schließen müssen.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de