Geld

Geld
Carmen Conradi
Bequem zurücklehnen und anhören.

Ich muss die Stelle einer Lohnbuchhalterin besetzen. Grob abgeschätzt reicht das Aufgabengebiet nicht für eine Vollzeitstelle. Auch dann nicht, wenn wir das stete Firmenwachstum mit einbeziehen und einrechnen, dass auch zusätzliche Aufgaben zukünftig übernommen werden könnten. Also habe ich die Stelle in Teilzeit ausgeschrieben. Die Lebensläufe der Bewerberinnen, tatsächlich ausnahmslos Frauen, lesen sich so, dass sie eine gute Ausbildung oder gar ein Studium durchlaufen haben, in den Job eingestiegen sind und auf der Karriereleiter bereits die ersten Sprossen nehmen konnten. Dann kommt ein Einschnitt, meist der Erwerbsuntätigkeit. In den Lebensläufen drückt sich das unterschiedlich aus. Mal wird der Zeitraum, in dem sie quasi vom Erdboden verschwunden sind, gar nicht verzeichnet. Unprofessionell, denn die sog. Lücken im Lebenslauf fallen uns bei der Betrachtung nicht nur besonders auf, sie verursachen bei uns Personalern einen Stich in der Magengegend. Wir kennen mehrere Gründe, weshalb ein Bewerber im Lebenslauf einen Zeitraum nicht belegen kann. Mir fallen sofort eine Haftstrafe, ein schwerer Unfall oder ein Drogenentzug ein. Auch denkbar wäre eine Erkrankung mit langer Rehabilitationsphase und gegebenenfalls bleibenden Schäden. Erst beim Blick auf die Zeile mit den Angaben zum Familienstand zeigt sich, dass ein Kind ursächlich für den beruflichen Absturz der Frauen war.

Mal wird die Zeit, in der sich die Frauen um Kindeserziehung und Haushalt gekümmert haben, hochtrabend mit „Familienmanagerin“ bezeichnet. Das ist nur bedingt besser. Nein, auch das stößt uns Lesern sauer auf. Zwischen „Mitarbeiter führen“ und „Staubsauger führen“ liegt dann doch ein Unterschied. Das Suffix „-managerin“ ist irreführend. Gewiss sind weder Vertuschung noch Täuschung das Ziel dieser unklaren Bezeichnungen. Vielmehr wollen sich die Frauen bei einem Betrachter, den sie nicht kennen, dafür entschuldigen, dass sie eine Phase hatten, in der sie nicht erwerbstätig waren.  Eigentlich traurig. Auch 20 Jahre nach der Jahrtausendwende schießen sich Frauen beruflich ab, wenn sie sich um Haushalt und Kinder kümmern. Statt für nächtliche Sondereinsätze, tägliche Arbeitszeiten jenseits der Regelungen des Arbeitszeitgesetzes und unbezahlte Überstunden geadelt zu werden, sitzen sie irgendwann einem Personaler gegenüber, der sie über den oberen Brillenrand hinweg anschaut und nicht recht einzuschätzen vermag, was von dem einst mühsam erworbenen Know-how noch übrig ist. Einst hoch qualifiziert landen sie oft in schlecht bezahlten Routinetätigkeiten ohne große Aussicht auf berufliches Fortkommen. Aber besser ein Job, als kein Job. Ich bin bestimmt nicht die Anführerin einer Revolution, aber ich sehe, dass hier enorm viel Potenzial verschossen wird. Für Personalverantwortliche gibt es hier großen Handlungsbedarf. Ich kann ja mal im Mikrokosmos eines Unternehmens daran arbeiten und so will ich mit der heute anstehenden Stellenbesetzung eine dieser Frauen zurück ins Erwerbsleben holen.

In welchem Dilemma sich die Bewerberinnen befinden, wird im Gespräch mit Carmen Conradi deutlich. Sie war acht Jahre auf dem beruflichen Abstellgleis. Nun kann, will oder soll sie wieder in Teilzeit arbeiten. Die Motivationsfrage habe ich noch gar nicht gestellt. Will sie wieder arbeiten gehen, weil ihre Freundinnen auch arbeiten und sie sich minderwertig vorkommt, wenn sie Nur-Hausfrau ist? Oder soll sie wieder arbeiten, weil vielleicht die finanzielle Lage der Familie das erfordert? Das werde ich im Verlauf des Gesprächs noch erfragen. Und ich werde herausfinden müssen, ob ihr Mann hinter dieser Entscheidung steht. Falls nicht, ist es eine Frage der Zeit, bis bei Familie Conradi der Haussegen schiefhängt, weil nicht eingekauft wurde, das Essen nicht auf dem Tisch steht oder die Wäsche nicht im Schrank ist. Der Klassiker.

Die Kinder von Frau Conradi sind in der Grundschule und im Kindergarten. Also die interne Betreuungsstufe 2, wenn man sich an die Pflegestufen anlehnt. Wenn alle Kinder in der weiterführenden Schule sind und diese ein Mittagessen anbietet, kann man grundsätzlich über eine Vollzeitstelle nachdenken. Ich habe aber auch schon gegenteilige Argumentationen gehört. Dass nämlich der Betreuungsaufwand bei Kindern in der Pubertät wieder deutlich zunimmt. Die Kinder von Frau Conradi können zwar alleine auf die Toilette, brauchen aber eine Betreuung, wenn sie aus den Einrichtungen Kindergarten und Schule zurückkommen. Das wiederum bestimmt das Zeitfenster, in dem Frau Conradi ihre Arbeitsleistung zur Verfügung stellen kann. Abzüglich der Fahrzeiten, versteht sich. Vielleicht haben wir deshalb so viele Zuschriften bekommen, weil ich bereits in der Stellenausschreibung eine flexible Arbeitszeit angepriesen habe? Auch wenn ich mich innerlich dagegen sträube, frage ich nach, ob Frau Conradi sich die Doppelbelastung von Beruf und Familie vorstellen kann. Die einzig richtige Antwort ist: ja. Das sagt sie dann auch mit einer kleinen Vibration in der Stimme und in dem Moment wissen wir beide, dass sie das noch gar nicht einschätzen kann. Das wird die Praxis zeigen. Die Frage: „Was machen Sie, wenn eines der Kinder krank wird?“, stelle ich gar nicht erst. Frau Conradi würde mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit antworten, dass sich dann die Großmutter um das erkrankte Kind kümmert und sie ihre Arbeit weiterhin in die Firma einbringt. Im Bewerbungstraining wird man ihr gesagt haben, dass Arbeitgeber genau das hören möchten. Stimmt nicht ganz, denn mir verursacht der Gedanke, dass eine Mutter sich nicht um ihr krankes Kind kümmert, körperliche Schmerzen. Der Gesetzgeber gibt sogar die Möglichkeit vor, beim erkrankten Kind zu bleiben und Lohnersatzleistungen in Anspruch zu nehmen, aber die Zahl derer, die diese Möglichkeit nutzt, ist gering. Vielmehr überwiegt die Sorge, beim Arbeitgeber in Misskredit zu fallen. Also geben die Frauen eine eigene Erkrankung vor. Der Blick in die Statistik wirft dann auch kein gutes Licht auf sie, denn durch diese Verfälschung sind – rein statistisch – Frauen öfter krank, als ihre männlichen Kollegen. In Gedanken hoffe ich, dass die Kinder von Frau Conradi über eine stabile Gesundheit verfügen.

Ich kann mir eine Mitarbeit von Frau Conradi vorstellen und läute das letzte Drittel des Gesprächs ein, indem ich frage: „Was wollen Sie denn bei uns verdienen?“. Bislang hätte ich meiner Gesprächspartnerin das Prädikat „besonders angenehm“ verliehen. Doch nun verfinstert sich schlagartig ihr Gesicht, sie Sie holt durch den geöffneten Mund tief Luft und es sprudelt nur so aus ihr heraus: „Eines sage ich Ihnen gleich: unter 1.200 EUR fange ich nicht an!“. Dann wird sie laut und es prasselt weiter auf mich ein: „Das ist sonst pure Ausbeutung und das kann und will ich mir nicht bieten lassen! Es gibt Grenzen, verstehen Sie? Nein, das verstehen Sie nicht, Sie sitzen ja hier in Ihrem Chefsessel und haben Ihr fettes Gehalt. Ach, was reg ich mich eigentlich auf?“ Das frage ich mich allerdings auch. Ich schaue Frau Conradi an, lege gespielt langsam ein Lächeln auf, zwinkere kurz mit den Augen und sage so bedacht es nur möglich ist: „Tut mit leid. Unter 1.400 EUR kann ich Sie gar nicht einstellen; das bekommen nämlich vergleichbare Mitarbeiterinnen auf vergleichbaren Positionen auch.“ Peinlich, peinlich, peinlich.

Was in diesem Moment in Frau Conradi vorgeht, kann ich nur erahnen. Von „Habe ich das jetzt richtig verstanden?“ über „Oh, nein, wie blöd bin ich eigentlich?“ bis zu „Wo ist das verdammte Mauseloch, in das ich mich verkriechen kann?“ wird alles dabei gewesen sein. Immerhin kann ich mir vorstellen, wie es zu diesem Ausraster kam. Sie wird mit einer gewissen Erwartungshaltung an die Frage nach dem Gehalt herangegangen sein und in vorherigen Gesprächen diesbezüglich enttäuscht worden sein. Für sie war die größte Herausforderung, die selbst gesetzte Untergrenze nicht zu unterschreiten. Dass es auch ein „darüber“ geben könnte, hatte sie nicht auf dem Schirm. Was Frau Conradi auch nie erfahren hat: ich hätte bis 1.600 EUR gehen können, um sie unter Vertrag zu nehmen. Aber das wollte ich ihr in dem nervlichen Ausnahmezustand, in dem sie sich befand, dann nicht auch noch zumuten.

Frau Conradi hat bei uns angefangen und nach einiger Zeit ihre Arbeitszeit aufstocken können, um ein weiteres Aufgabengebiet zu übernehmen. Ihr Gehalt wurde freilich entsprechend angepasst, aber sie hat mich nie nach einer Gehaltserhöhung gefragt.

Tipp: Die Frage „Was wollen Sie bei uns verdienen?“ ist nicht als Wunschkonzert konzipiert, sondern eher rhetorisch, denn die zu besetzenden Stellen sind vordotiert. Heißt, wir wissen, was vergleichbare Mitarbeiter in vergleichbaren Stellen verdienen und lehnen uns daran an. Allein schon, um dem großen Ziel der Lohngerechtigkeit oder auch nur dem geltenden Tarifvertrag nachzukommen. Sicher gibt es eine Bandbreite, in der wir uns bewegen können. Vorsicht ist aber geboten. Setzt man die Gehaltsforderung deutlich zu hoch an, wird man die Stelle nicht bekommen. Auch dann nicht, wenn man wenige Sätze später erklärt, dass man auch mit weniger Gehalt zufrieden wäre. Bietet man die eigene Arbeitsleistung hingegen zu günstig an, erweckt das den Anschein, dass man die Anforderungen vielleicht nicht erfüllen kann. In beiden Fällen wird man die Stelle nicht bekommen. Ist man sich als Bewerber unsicher, wie man die Frage beantworten soll, so kann man den Ball zurückspielen und entgegnen: „Wie ist die Stelle dotiert?“ oder „Können Sie mir ihrerseits ein Angebot machen?“ oder „Was würden Sie einem vergleichbaren Mitarbeiter bezahlen?“. Was der Bewerber nun als Angebot bekommt ist die Untergrenze dessen, was wir zahlen können oder wollen. Mit etwas Mut und Geschick kann man hier ein bisschen nach oben verhandeln. Aber man merkt sehr schnell, wann die Grenze erreicht ist. Die Zeit, in der Gehälter wirklich frei verhandelbar waren, ist vorbei. Heute bin ich als Personaler stolz, wenn ich eine von den Mitarbeitern akzeptierte Lohngerechtigkeit im Unternehmen habe und eine Lohntransparenz aufzeigen kann. Denn dann minimieren sich Neid und Missgunst unter den Mitarbeitern und das wiederum schont Ressourcen.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

2 Kommentare zu „Geld

  1. Mit großer Freude und Begeisterung habe ich die Geschichte „Geld“ verfolgt und finde es, wie immer, spritzig formuliert. Es macht Spaß, tiefgreifende Wahrheiten so inspiriert verpackt zu lesen. So richtig fesselnd!!!
    Und den Tipp am Ende der Geschichte finde ich genial und sehr professionell.