Kaffeekränzchen

Kaffeekränzchen
Silke Sonnenberg
Bequem zurücklehnen und anhören.

Wir kennen grundsätzlich drei Bewerbertypen. Zunächst die Ängstlichen, die von ihrer eigenen Nervosität fast aufgefressen werden. Wir erkennen sie, noch ehe sie ein zaghaftes, kaum hörbares „Guten Tag“ über die Lippen gebracht haben, am sog. toten Fisch. Einem Händedruck so schlaff und kalt, wie eben ein toter Fisch. Weil es so gar nicht meiner Erwartung entspricht, läuft es mir regelmäßig kalt den Rücken runter. Am anderen Ende der Messlatte haben wir die Obercoolen, die auf der Fahrt zu uns im Auto ihre Motivations-CD gehört haben. Dem ständig wiederholten Mantra des Sprechers folgend, glauben sie tatsächlich, dass sie alles schaffen können und erzählen uns ohne rot zu werden, dass wir uns glücklich schätzen können, sie heute unter Vertrag nehmen zu dürfen. Und zwischendrin haben wir die Skeptiker, die in jedem kleinen Satz eine windige Falle wittern und selbst beim klassischen Warm-up „Schönes Wetter heute“ nachfragen, wie das gemeint ist.

Heute aber habe ich eine Bewerberin zu Gast, für die wir fast eine vierte Gruppe aufmachen sollten. Silke Sonnenberg. Sie hat sich als Bürokauffrau beworben. Als sie kommt fällt mir eine schnelle Einordnung schwer, denn sie ist aufgeregt, aber nicht so sehr, dass sie in die Gruppe der Ängstlichen passen würde. Und ein bisschen Nervosität ist ja angebracht. Schließlich geht es ja um einen Job. Bekommen oder eben nicht bekommen. Da kann man schon mal unruhig schlafen, sichtbar angespannt oder nervös sein. Das sind wir Personaler übrigens auch. Aber wir haben auch allen Grund dazu. Wir haben nämlich im Gegensatz zu Bewerbern einen Job zu verlieren. Sollten wir eine Falscheinstellung vornehmen, dann wird das unter Umständen richtig teuer. Wir sind also diejenigen, die schweißnasse Hände haben sollten. Aber wir übertünchen das mit zunehmender Routine. Frau Sonnenberg macht mir auch nicht den Eindruck, als neige sie zu haltloser Selbstüberschätzung. Und auch in die Gruppe der Skeptiker passt sie nicht auf Anhieb. Prima. Das verspricht ein spannendes Gespräch zu werden.

Als ich Frau Sonnenberg einen Platz im Besprechungszimmer anweise, sagt sie, als sie noch den Stuhl zurechtrückt: „Bin ich froh, dass Sie eine Frau sind!“. Gut, ich bin auch froh, dass ich eine Frau bin, sonst müsste ich mich morgens rasieren. Und bevor ich etwas erwidern kann, legt sie nach und sagt: „Jetzt brauchen wir nur noch einen Kaffee, dann hätten wir ein richtig feines Kaffeekränzchen!“ Ich bin versucht, ihr Mineralwasser anzubieten. Kaffeekränzchen?! Ich habe nicht mal mein Strickzeug dabei. Liegt wohl daran, dass ich erstens nicht stricken kann und zweitens das Vorstellungsgespräch bei mir einen hohen Stellenwert hat. Ich muss in wenigen Minuten erkennen, ob ich Frau Sonnenberg einen Arbeitsvertrag anbieten kann. Dazu muss ich abchecken, ob sie fachlich das halten kann, was sie im Lebenslauf versprochen hat. Ich muss auch abschätzen, ob sie persönlich geeignet ist.  Ob sie eine Arbeitsweise an den Tag legt, die es ihr erlaubt, mit den Anderen in ihrer zukünftigen Abteilung gut und produktiv zusammenzuarbeiten – um den Begriff der Teamfähigkeit mal zu umschreiben.  Und ich muss abklopfen, ob sie Alkohol trinkt, dauerhaft Medikamente nimmt, oder Krankheiten hat, die sie am Arbeitsplatz gefährden könnten. Dann sollte ich noch wissen, ob sie in geordneten finanziellen Verhältnissen lebt, ob ihr Mann hinter ihr steht und ob sie geneigt ist, einen Betriebsrat zu gründen. Also Kaffeekränzchen geht anders. Was Frau Sonnenberg gleich zu Beginn frei ausgesprochen hat, habe ich auch in anderen Gesprächen schon beobachten können. Frauen fühlen sich geborgen, wenn sie einer Frau gegenübersitzen. Aber Vorsicht! Es gibt keine Solidarität unter Frauen. Und auch ich bin heute professionell unterwegs und nicht auf der Suche nach einer Freundin.

Ich bleibe routiniert freundlich, aber doch ein bisschen reserviert. Nach diesem Auftakt will ich gewiss keine falschen Signale senden. Bald habe ich herausgefunden, dass Frau Sonnenberg keine finanziellen Sorgen hat, ihr Mann voll und ganz hinter ihr steht, was den beruflichen Wiedereinstieg angeht und sie keine Ambitionen hat, einen Betriebsrat zu gründen. 

Gerade so, als hätte ich ein Schild umhängen, auf dem steht „Erzähl mir was!“ sagt Frau Sonnenberg, ohne dass ich sie danach gefragt hätte: „Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, mit einem Kind!“. Ich kann es mir wirklich nicht vorstellen, denn zu diesem Zeitpunkt habe ich drei Kinder. Noch kämpfe ich jeden Tag an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und stelle jeden Abend fest, dass es wieder nicht geklappt hat. Der Tag hat einfach zu wenig Stunden. Mit nur einem Kind wäre ich wahrscheinlich sogar unterfordert. Aber das kann Frau Sonnenberg nicht wissen. Sie geht davon aus, dass ich mich ausschließlich der Karriere gewidmet habe. Immerhin habe ich ihr zu Beginn des Gesprächs eine meiner Visitenkarten gegeben. Und auf denen steht in großen Lettern PERSONALLEITERIN. Ich konzentriere mich und stelle weiter Standardfragen unter anderem auch diese: „Sind Sie gesund oder leiden Sie an irgendwelchen Erkrankungen?“. In der Grauzone zwischen erlaubten und unerlaubten Fragen bin ich gedanklich schon weiter, als Frau Sonnenberg tief Luft holt und antwortet: „Grundsätzlich schon. Ich leide allerdings an häufigen Migräneanfällen. Manchmal sind die Attacken so stark, dass ich zwei Tage lang das Haus nicht verlassen kann oder der Anfall ist so heftig, dass ich im Bad regelrecht vor mich hinvegetiere. Schlimm, sage ich Ihnen! Ich habe schon seit meiner Kindheit eine starke Kurzsichtigkeit auf dem linken Auge; und nachtblind bin ich auch. Aber das ist machbar. Viel mehr Sorge bereiten mir die häufigen Nasenebenhöhlen­entzündungen. Da bin ich mit einem Arzt im Gespräch, aber man kann da nicht allzu viel prophylaktisch tun. Einfach positiv bleiben. In meiner Familie gibt es ein hohes Herzinfarktrisiko, deshalb gehe ich einmal pro Woche zum Lauftraining und ernähre ich mich gesund. Mit dem Essen muss ich ohnehin aufpassen. Südfrüchte vertrage ich nicht; da bekomme ich starkes Sodbrennen. Und wahrschein­lich habe ich auch eine Laktose­intoleranz. Das würde Einiges erklären. Ich habe ordentlich Probleme mit der Verdauung; aber das will ich hier gar nicht näher ausführen. In der letzten Mutter-Kind-Kur habe ich viel über gesunde und vegane Ernährung gelernt. Aber mein Mann und mein Sohn machen da nicht mit. Probleme mit dem Rücken habe ich auch. Das ist halt so im fortgeschrittenen Alter. Das Programm zur Rückenstärkung kann ich aber bestimmt auf den Nachmittag verschieben. Vielleicht auf den Donnerstag vor der Aquafitness.“

Sie lächelt mich erwartungsvoll an, während ich mich frage, was hier schiefgelaufen ist? Um Zeit zu gewinnen hake ich mit einer gehörigen Portion unterschwellig eingebette­tem Sarkasmus nach: „Sind Sie sicher, dass Sie nichts vergessen haben?“ Sie überlegt tatsächlich und legt nach: „Oh stimmt, ich habe die Krampfadern vergessen. Das rechte Bein ist schon operiert, die Saphena magna, also die tiefliegende Beinvene, wurde voll­ständig entfernt. Mit Veröden war bei so vielen Verschlüssen nichts mehr zu machen. Das linke Bein werde ich im Herbst richten lassen. Im Sommer ist das nicht so praktisch, weil man wochenlang Stützstrümpfe tragen muss.“ Von diesem ausführ­lichen Ganzkörper­scan mit Hinweisen zur Medikation muss ich mich erst einmal erholen. Ob Frau Sonnenberg realisiert, dass sie sich gerade selbst abgeschossen hat? Ich denke nicht, denn als ich sie zum Ausgang begleite und mich freundlich von ihr verabschiede, dreht sie sich im Türrahmen noch einmal um und sagt: „Na, dann hoffentlich bis bald!“.

Der Tipp: Es kommt immer darauf an, wer was fragt. Es ist durchaus angebracht, einem Arzt alle Befindlichkeiten zu berichten. Nur so wird er sich ein Gesamtbild machen können und eine entsprechende Medikation verordnen. Uns Personalern, die wir allenfalls als medizinische Laien taugen, ist es am liebsten, der Bewerber ist gesund, kräftig und schafft es, sich im Schlaf ausreichend zu regenerieren, damit er am folgenden Tag wieder vollen Einsatz bringen kann. Dennoch sind wir in zweierlei Hinsicht in der Pflicht. Wir müssen sicherstellen, dass sich der Gesundheitszustand des zukünftigen Arbeitnehmers am Arbeitsplatz nicht verschlechtert. Also werden wir einem Arbeitnehmer mit chronischen Rückenproblemen keinen Arbeitsplatz zuweisen, an dem er ausschließlich sitzend tätig sein wird. Und wir haben eine Belegschaft zu schützen. Also ist die Frage nach bestehenden Krankheiten für Bewerber dahingehend zu beantworten, dass man chronische oder ansteckende Krankheiten, den Arbeitsplatz betreffend, nennen muss. Und das ist im Einzelfall abzuwägen. Kämpft ein Büroangestellter mit Fußpilz, ist das für uns eher unspannend. Ganz anders sieht es aus, wenn es um die Besetzung der Position des Schwimmmeisters einer Bäderanlage geht. Frau Sonnenberg konnte ich, nach reifer Überlegung, leider keinen Arbeitsplatz anbieten, an dem sich ihr aktueller Gesundheitszustand nicht in irgendeiner Form verschlechtert hätte.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

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