Kontrapunkt

Kontrapunkt
Lieselotte Bauer
Bequem zurücklehnen und anhören.

Ich suche mal wieder nach der sprichwörtlich eierlegenden Wollmilchsau. Den Begriff gibt es tatsächlich und übertragen auf die Personalsuche kann er so interpretiert werden, dass man einen Mitarbeiter sucht, der alle Anforderungen der Stellenausschreibung erfüllt, ein abgeschlossenes Studium hat, Erfahrung mitbringt aber höchstens 25 Jahre alt ist. Also quasi unmöglich. Und in diesem Fall kommt noch erschwerend hinzu, dass dieser fast schon übermenschlich anmutende Bewerber auch noch mit den beiden Alphatierchen zurechtkommen muss, die um die Vormachtstellung in der Abteilung buhlen. Im Kern sind das zwei Frauen Mitte Zwanzig, die sich phasenweise einen erbitterten Kampf liefern. Dabei untersteht die Abteilung direkt der Geschäftsführung und es braucht gar keine leitende Funktion. Aber das ist den Damen egal. Und gerade weil es unter den Mitarbeiterinnen immer häufiger Streitigkeiten gibt, habe ich in dieser Abteilung eine hohe Fluktuation und bin permanent dabei, denjenigen zu ersetzen, der dem Wahnsinn entfliehen konnte. Aber damit ist jetzt Schluss! Ich habe mir vorgenommen, einen Kontrapunkt zu setzen und suche nach einer Mitarbeiterin außerhalb der Konkurrenz der Damen. Ganz bewusst suche ich nach einer erfahrenen, älteren Mitarbeiterin und ich hoffe, dass ich die angespannte Lage damit entschärfen kann. Auch die Vorauswahl der Bewerbungen mache ich diesmal selbst. Dabei ist es recht einfach, einer Auszubildenden beispielsweise drei Kriterien an die Hand zu geben, nach denen sie vorauswählen soll. Das müssen harte Kriterien sein, also Kriterien, die keiner Interpretation bedürfen und die auch aus jeder Bewerbung zu ersehen sind, wie beispielsweise das Geschlecht. Bei einer publizierten Ausschreibung geht das freilich nicht, das würde gegen europäisches Recht im Allgemeinen und das Allgemeine Gleichbehand­lungs­gesetz (kurz AGG) im Besonderen verstoßen. Aber intern kann ich schon entscheiden, ob ich die Stelle mit einer Frau oder einem Mann besetzen möchte. Und im Umkehrschluss bedeutet das: Bekommt ein Bewerber innerhalb von nur wenigen Stunden nach Absenden der Bewerbung eine Absage, spricht sehr viel dafür, dass man das andere Geschlecht bei der Stellenbesetzung bevorzugt. Tatsächlich kann auch die Entfernung zum Arbeitsplatz ein Entscheidungskriterium sein. Während man sich in den 80er Jahren im Gespräch mit Berufskollegen damit brüstete, aus welchen Teilen der Republik die Mitarbeiter am Morgen anreisen, ist man heute bestrebt, die morgendliche Anfahrt zur Arbeit kurz zu halten. Na, und dann ist auch das Alter noch ein Kriterium, wie in der vorliegenden Personalsuche. Dem Vorauswählenden gibt man dann vor: „Allen mit Jahrgang 1975 und älter erteilen Sie bitte umgehend eine Absage.“ Das habe ich auch mal gemacht und meine fleißige Auszubildende hat an einem Tag restlos allen Bewerbern mit den Jahrgängen 1975, 1976, 1977 usw. abgesagt und mir die verbliebenen Mappen auf den Tisch gelegt. Das waren dann die Bewerber, die unserer Meinung nach allesamt zu alt waren. Da man einen Fehler nicht zweimal machen muss, mache ich die Durchsicht der Bewerbungen diesmal selbst. Hängengeblieben bin ich bei Lieselotte Bauer. Sie bringt gewiss mehr Berufserfahrung mit, als meine beiden jungen Damen zusammen, denn Frau Bauer ist schon 59 Jahre alt. Zu alt? Kommt drauf an. Sie wird bis zum Renteneintritt noch sechs Jahre, sollte sich politisch etwas ändern, sogar länger, arbeiten. Das ist doch eine Perspektive. Vor allem wird sie sich mit großer Wahrscheinlichkeit keine andere Stelle mehr suchen, sondern bleiben. Selbst dann, wenn es im Umgang mit den Kolleginnen schwierig wird. Immerhin bringt Frau Bauer nicht nur Berufserfahrung, sondern auch Lebenserfahrung mit.

Im Gespräch mit ihr stelle ich schnell fest, dass Frau Bauer sehr ausgeglichen wirkt, eine gewisse Ruhe ausstrahlt und es insgesamt sehr angenehm ist, ihr zuzuhören. Bereits im ersten Drittel des Gesprächs habe ich mich für eine Einstellung entschieden. Als ich dann aber frage: „Welchen Beruf übt denn Ihr Mann aus?“, greife ich ungewollt in ein Wespennest. Ihr Mann ist bereits im Ruhestand und wartet von morgens bis abends darauf, dass sie von der Arbeit nach Hause kommt. Er will dann etwas unternehmen, sie hingegen ist müde und geschafft. In der Konsequenz schlägt sie mir vor, in einer 4-Tage-Woche und in Teilzeit zu arbeiten. Dann könnte sie die Nachmittage mit ihrem Mann im Garten genießen und am Wochenende mit dem neuen Wohnmobil durch die Lande fahren. Ich verstehe ihr Bestreben, aber es ist unklug, mir vorzuschlagen, eine Vollzeitstelle mit anberaumten 40 Stunden in 24 Stunden pro Woche ausüben zu wollen. Das ist eine Unvereinbarkeit und ich müsste ihr eigentlich absagen. Je mehr ich aber darüber nachdenke, und das tue ich angespannt, während Frau Bauer von ihren beiden Enkeln erzählt, finde ich den Gedanken charmant. Mit einer reduzierten Arbeitszeit würde sie noch weniger in Konkurrenz zu den Kolleginnen stehen.  Wenn sie entsprechend ihren Vorstellungen arbeiten darf und nicht entsprechend meiner Vorgaben arbeiten muss, kann das auch bewirken, dass sie überdurchschnittlich gut leistet. Und bei sechs Stunden pro Tag hat sie keine Mittagspause und ich habe nicht das Problem der verminderten Arbeitsleistung während der Verdauungsphase. Ich handle noch heraus, dass sie in Zeiten der Urlaubsphase ihrer Kolleginnen auch am Freitag kommt und erstelle einen Arbeitsvertrag für Frau Bauer. Wenigstens war sie ehrlich und hat mir ihre Absichten von vorne herein gesagt. Sie hätte auch in Vollzeit anfangen und nach einem halben Jahr einen Antrag auf Teilzeit stellen können. Dazu bedarf es inzwischen keines triftigen Grundes mehr. Es ist unerheblich, ob man die Arbeitszeit verringern möchte, um Kinder zu betreuen, Angehörige zu pflegen, seinem Hobby nachzugehen, sich weiterzubilden oder eben mit dem Wohnmobil zu fahren. Und der Arbeitgeber kann auch nur sehr schwer ablehnen. So haben wir von Anfang an klare Verhältnisse.

Und wie so oft im Leben kam es dann noch innerhalb der Probezeit alles ganz anders. Frau Bauer und ihr Mann trennten sich völlig überraschend. Er hatte bei seiner morgendlichen Runde mit dem Hund eine neue Bekanntschaft gemacht, mit der er von nun an durch die Lande fahren will. Und Frau Bauer bat mich, ihr Teilzeitarbeitsverhältnis in eine Vollzeitstelle umzuwandeln. Das passte prima, denn ihre beiden Kolleginnen wurden fast zeitgleich schwanger. Manchmal fügt sich alles – man braucht nur etwas Geduld.

Tipp: Die Frage „Was macht Ihr Partner / Ihre Partnerin beruflich?“ zielt eigentlich auf zwei Fragen ab. Zum einen wollen wir ausschließen, dass der Partner oder die Partnerin bei der Konkurrenz beschäftigt ist. Zum anderen sind konkurrierende oder sich überschneidende Arbeitszeiten relevant. Man muss also keine Auskunft darüber geben, bei welcher Firma der Partner oder die Partnerin beschäftigt ist und auch nicht, in welcher Position. Beispielsweise reicht „Mein Mann arbeitet im kaufmännischen Bereich eines Mittelständlers in der Automobilbranche.“ zur Beantwortung der Frage völlig aus. Und damit geht es auch schon über zur nächsten Frage.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de