Mann im Ohr

Mann im Ohr
Pascal Baumgärtner
Bequem zurücklehnen und anhören.

Mein heutiges Gespräch wird ein Spaziergang. Bei der Bewerbung von Pascal Baumgärtner stimmt einfach alles. Er deckt fachlich das Stellenprofil des Abteilungsleiters im Rechnungswesen exakt ab. Ausbildung, Fortbildungen, berufliche Entwicklung sind mustergültig und er arbeitet zurzeit noch in einem Konkurrenzbetrieb gleicher Größe. Selbst wenn es nur ein nettes Detail ist, so kennt er die Branche und das nehme ich gerne mit. Auch persönlich scheint er hervorragend geeignet zu sein. Er ist Mitte vierzig, verheiratet und hat zwei Kinder im Abstand von zwei Jahren. Beide sind am Ende der Pubertät, zumindest altersmäßig, was ich aus den Angaben im Lebenslauf ersehen kann. Und ich habe durch die Adresseingabe in einem online-Kartendienst bereits herausgefunden, dass Herr Baumgärtner mit seiner Familie in einem Reihenmitttelhaus wohnt, was meine Vorstellung des biederen aber korrekten Mannes abrundet. Offensichtlich steht er mit beiden Beinen im Leben.

Als Herr Baumgärtner zu mir ins Besprechungszimmer kommt und mir mit einem freundlichen Gruß die Hand entgegenstreckt, sehe ich mich in meiner ersten Einschätzung bestätigt. Es passt augenscheinlich alles. Er ist mit Anzug, Hemd und Krawatte passend gekleidet, macht insgesamt einen gepflegten Eindruck, was Frisur, Rasur und Maniküre widerspiegeln und hat eine hochwertige Aktentasche dabei. Ich denke mal, die war ein Weihnachtsgeschenk seiner Frau für ihren beruflich erfolgreichen Mann. Nach einem kurzen Smalltalk ist auch deutlich, dass Herr Baumgärtner über Anstandsformen verfügt, einen breiten Wortschatz hat und sich gut ausdrücken kann. Eigentlich müsste ich nur noch die Motivation seiner Bewerbung abklopfen. Immerhin hat er ein laufendes Beschäftigungs-verhältnis, hat sich aber dennoch beworben. Es ist nicht ganz unerheblich, ob er sich beruflich verändern will, weil er beispielsweise keine Perspektive sieht oder ob er Vorgesetzte oder Kollegen hat, die ihn ärgern. Vielleicht wurde ihm aber auch nahegelegt, zu gehen und er will einer Entlassung zuvorkommen? Egal. Wenn er die gesetzliche Kündigungsrist einhält. Kann er direkt im Anschluss bei uns anfangen und könnte dann noch einen ganzen Monat lang vom bisherigen Stelleninhaber eingelernt werden. Was für ein idealer Übergang. Ich will ihn nicht überrumpeln und quasi als überleitenden Puffer frage ich: „Wie würden Sie sich denn grob einschätzen?“ Ich habe die Erwartungshaltung, dass er sich als beruflich erfolgreich, motiviert und überaus engagiert bezeichnet. Vielleicht schweift er auch sein privates Umfeld ab und stellt sich als treusorgenden Ehemann und liebenden Vater vor? Doch wider Erwarten bedient er meine Erwartung nicht und sagt stattdessen trocken: „Wissen Sie, eigentlich bin ich ein Versager.“ Hoppla. Das muss auch ich erstmal schlucken. Ich versuche, mich neu zu sortieren, denn mein gedanklich vorgefertigter, weiterer Gesprächsverlauf ist gerade in eine Sackgasse gefahren worden. Ich gebe Herrn Baumgärtner die Chance auf einen Perspektivenwechsel und sage. „Was würde denn ihr bester Freund über Sie sagen?“ Herr Baumgärtner überlegt nur kurz und antwortet mit deutlich erkennbar zittriger Stimme: „Er würde sagen, dass ich ein erfolgreicher Mann in den besten Jahren bin. Ich habe eine nette Familie und gute Freunde, ein Haus, ein schönes Auto und einen gut bezahlten Job. Wenn er aber ehrlich zu mir wäre, würde er sagen, dass ich ein Versager bin.“

Einen Moment lang ist es unheimlich still im Besprechungszimmer und ich höre, dass der Mann mir gegenüber tief und schwer atmet und offensichtlich das eben Gesagte nachdenklich reflektiert. Auch ich halte kurz inne, denn ich sehe, wie mein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Die Vermutung, dass Herr Baumgärtner den Job nicht haben möchte und durch diese provokante Antwort eine Absage erreichen will, hake ich ab. Dann würde er sich anders verhalten. Er würde sich im Stuhl zurücklehnen, mich provozierend angrinsen und meine Reaktion abwarten. Tatsächlich aber schaut er mit geneigtem Kopf und gesenktem Blick auf die Tischplatte vor sich. Ich fürchte, er meint es ernst. Aber ich will noch nicht aufgeben. Ich lehne mich weit aus dem Fenster und verdeutliche die Situation, in der wir beide stecken. Gerade so. als wolle ich Ihn wachrütteln, sage ich: „Hören Sie, es geht hier um eine Einstellung. Ich will eine Stelle besetzen. Sie haben sich auf diese Stelle beworben. Ich versuche, aus einer Vielzahl von Bewerbungen denjenigen herauszupicken, von dem ich mir den größten Erfolg verspreche. Ihre Mitbewerber stellen sich in außerordentlich gutes Licht. Und was machen Sie? Sie behaupten, Sie seien ein Versager. Wollen Sie die Stelle überhaupt?“ Unbewusst habe ich die Lautstärke angehoben und beim letzten Satz hätte ich genauso gut mit der flachen Hand auf den Tisch schlagen können. Herr Baumgärtner schaut mich an. Erst zögert er, dann holt er Luft und sagt bedächtig. „Ich bin exzellent in meinem Job und er macht mir sogar Spaß. Ich habe aber auch ein Haus abzuzahlen und eine Familie zu ernähren und deshalb habe ich mich beworben. Wenn Sie es genau nehmen, werde ich den Job nehmen müssen.“ Daher weht also der Wind. Er sieht sich äußeren Zwängen ausgesetzt, kann nicht so handeln, wie er gerne möchte und bezeichnet sich deshalb als Versager. Ich will herausbekommen, wo dieser Frust begründet ist und fordere ihn zu einem Gedankenspiel auf: „Wenn Sie die Zeit zurückdrehen könnten? Was würden Sie anders machen?“ Diesmal bin ich angespannt und rechne mit fast allem. Herr Baumgärtner fackelt nicht lange, was signalisiert, dass er sich eben diese Gedanken schon im Vorfeld gemacht hat und fasst für mich kurz zusammen: „Ich würde meine Frau nicht heiraten; dann stünde ich heute nicht vor der Scheidung. Ich würde keine Kinder bekommen. Verstehen Sie das nicht falsch; ich habe wunderbare Kinder. Aber Sie hindern mich daran, das Leben zu führen, das ich leben möchte. Ich würde kein Haus bauen, das mich finanziell in den Ruin treibt und ich würde heute nicht hier bei Ihnen am Tisch sitzen.“ Okay. Der Mann hat nicht nur einen schlechten Tag, ich fürchte, er hat ernsthafte Probleme. Aber da bin ich der falsche Ansprechpartner. Es steht mir auch nicht zu, ihm einen guten Psychologen zu empfehlen. Da muss er schon selbst draufkommen. Ich unternehme einen letzten Versuch und stelle rein hypothetisch zur Diskussion: „Wenn Sie an meiner Stelle wären, was würden Sie für einen Bewerber empfinden, der Ihnen sagt, er sei ein Versager?“ Auch diesen Brückenschlag nimmt Herr Baumgärtner nicht an und sagt resigniert: „Ich hätte Mitleid mit ihm.“ Auf das Stichwort „Mitleid“ meldet sich der kleine Personalmann in meinem Ohr unüberhörbar. Bislang hat er mir nur leise „Sei vorsichtig!“ ins Ohr geflüstert. Jetzt aber brüllt er laut und will gehört werden. Und er hat ja nicht ganz Unrecht. Auch wenn Menschen im Einstellungs-gespräch andere Menschen beurteilen, geht es hierbei nicht um Gefühle wie Mitleid. Das Spiel heißt Arbeit gegen Entgelt. Und mein Job ist es, herauszufinden, ob der Bewerber hier bestehen kann. Das klingt zunächst eiskalt, aber auf der anderen Seite hat der Einkäufer, der seinen Job gut im Sinne der Aufgabenbeschreibung macht, ja auch kein Mitleid mit dem Zulieferer, dem er gerade satte Nachlässe aus den Rippen geleiert hat. Er macht seinen Job. So wie ich auch. Menschlich gesehen tut mir Herr Baumgärtner leid. Aber ich verteile keine Sozialhilfen und keine Almosen. Und deshalb nehme ich von einer Einstellung Abstand. Und damit mache ich meinen Job gut. Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte heute einen Vertragsabschluss unterzeichnen können. So habe ich zwar alles richtig gemacht, kann aber doch nicht stolz darauf sein. Am Abend überkommt mich ein schlechtes Gewissen. Was, wenn sich die Abwärtsspirale, in der sich Herr Baumgärtner befindet, weiter nach unten schraubt? Was, wenn er aufgibt und sich möglicherweise das Leben nimmt? Ich lege die Gedanken und die Bewerbung von Herrn Baumgärtner ab. Und wenige Wochen später sehe ich ihn rein zufällig im dichten Gedränge auf dem Weihnachtsbazar der Schule. Er erkennt mich und grüßt mich aus der Ferne. Ich kann noch sehen, wie er mit seiner Frau und seinen Kindern in Richtung des Lebkuchenstandes geht. Alles ist gut, wie es ist.

Der Tipp: Die Frage nach der Selbsteinschätzung des Bewerbers ist von uns Personalverantwortlichen mit einer hohen Erwartungshaltung verbunden. Nur wer seine Stärken und Schwächen kennt, wer sich selbst realistisch einschätzen kann, kann Ziele für sich und seine Arbeit festlegen und eben auch erreichen. Eine wichtige Rolle bei dieser Selbstreflexion spielt auch der Abgleich mit dem Eindruck, den wir vom Bewerber gewinnen konnten. Je mehr sich Fremdbild und Selbstbild decken, umso besser.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de