Nestbeschmutzer

Nestbeschmutzer
Florian Fiedler
Bequem zurücklehnen und anhören.

„Nur ganz kurz …,“ hatte Herr Jensen, der Leiter der IT, gesagt, als er sich ins Besprechungszimmer drängte, in dem ich bereits Platz genommen hatte und auf meinen heutigen Bewerber wartete. „Nur ganz kurz …“ ist doch die einleitende Ausrede dafür, dass man zu einem ungünstigen Zeitpunkt einen Sachverhalt darstellen möchte, von dem man ziemlich genau weiß, dass er eben doch nicht so knappgehalten ist. Den Gesprächspartner wiegt man mit diesem Auftakt in Sicherheit, nutzt den Überrumplungseffekt und bringt sein Anliegen vor, bevor der andere einen abweisen kann. Auch den Sachverhalt, den Herr Jensen anspricht, kann man nicht „ganz kurz“ zu einer Lösung bringen. Seine Mitarbeiter fordern eine deutlich längere Mittagspause und ich erkläre ihm zum wiederholten Mal, dass das eine Entscheidung ist, die nicht abteilungsweise getroffen wird. Das entscheide auch nicht ich, sondern der Betriebsrat muss zustimmen. Das volle Programm. Endlose Sitzungen, Abwägen von Für und Wider, Kräftemessen der Verhandlungspartner. Und leider gibt es keine Möglichkeit, das Procedere abzukürzen. Ich bitte Herrn Jensen, zu einem späteren Zeitpunkt in mein Büro zu kommen, um die Motivation für diesen Änderungswunsch zu klären und ein mögliches Vorgehen zu erörtern, aber er lässt sich nicht abweisen. „Sie hören von mir!“, sage ich dann auch ziemlich schroff, und komplementiere ihn mit einer entsprechenden Handbewegung hinaus, als Florian Fiedler, mein heutiger Bewerber, bereits in der Tür steht. Er hat diesen letzten Satz gehört und schaut sichtbar entsetzt erst auf mich und dann auf den IT-Leiter, der sich schnellen Schrittes entfernt. „Den haben Sie ja förmlich rausgeschmissen“, stellt Herr Fiedler kleinlaut fest und ich entgegne wahrheitsgetreu und sichtlich genervt: „Da hatte ich auch allen Grund zu.“ Kaum verwunderlich, dass Herr Fiedler mit zusammengezogenen Schultern auf dem Stuhl sitzt und seine Windjacke erst einmal anbehalten möchte. Könnte ich zurückspulen, dann würde ich es an dieser Stelle tun. Wie viel angenehmer wäre es für uns beide und das folgende Gespräch gewesen, wenn ich ihn freundlich, mit einem Lächeln und Worten wie „Schön, dass Sie heute gekommen sind. Ich bin schon sehr gespannt auf Sie!“ hätte begrüßen können. Aber die Möglichkeit hatte ich nicht. Nun bin ich genervt von Herrn Jensen und ärgere mich zudem über den verpatzten Gesprächsauftakt. Das sind überhaupt keine guten Voraussetzungen; ich muss das wieder auf die Reihe bekommen und starte mit einem Lob für Herrn Fiedler. „Sie haben eine wirklich gute, aussagekräftige Bewerbung eingereicht.“, sage ich anerkennend und schaue ihn dabei fest an. Herr Fiedler ist geschmeichelt, zupft mit Daumen und Zeigefinger am linken Ohrläppchen, lächelt gequält und erklärt mir, dass er auch sehr lange daran gefeilt habe. „Achten Sie doch künftig darauf, dass Sie nicht 15 MB versenden,“ kann ich mir nicht verkneifen. Er schaut mich irritiert an. Er weiß offensichtlich von nichts. Immerhin weiß ich jetzt, dass er sich ans Ohrläppchen fasst, wenn er lügt. Dass er die Bewerbung in Auftrag gegeben hat, ist offensichtlich. Die Wortwahl in den Unterlagen und in der begleitenden E-Mail, die er wohl tatsächlich selbst verfasst hat, driftet zu weit auseinander. Die Bewerbung ist einwandfrei, während sich in den drei kurzen Sätzen der E-Mail gleich mehrere Schreibfehler eingeschlichen haben. Dass er seine Unterlagen von einem Profi aufarbeiten lässt ist gar nicht so schlimm, aber dass er vorgibt, die Unterlagen selbst erstellt zu haben, ist gelogen. Wie soll das denn nun weitergehen, wenn er mich gleich zu Beginn mit einer Lüge abspeist? Denkbar schlechte Voraussetzungen.

Bereits jetzt ist der Punkt gekommen, an dem ich erkennen muss, dass ich heute leider keinen neuen Mitarbeiter unter Vertrag nehmen kann. Ich kann niemanden einstellen, der in den ersten Minuten bereits derart viel Vertrauen verspielt. Und ich werde in meiner Entscheidung bekräftigt, als Herr Fiedler sich etwas über den Tisch lehnt, mit dem Kopf in Richtung Tür weist und mir fast schon verschwörerisch und recht leise sagt: „Mit dem, das können Sie vergessen! Den kenn´ ich noch aus der Schule. Eine Pfeife ist das, sag ich Ihnen.“ Erst jetzt wird mir klar, dass Herr Fiedler unseren IT-Leiter für einen Mitbewerber halten muss und das Spiel fängt an, mir Spaß zu machen. Also gehe ich bedingt darauf ein und frage, was er mir denn zu bieten habe. Herr Fiedler greift daraufhin in die Tasche seiner Jacke und legt einen USB-Stick vor mir auf den Tisch. Triumphierend sagt er: „Den können Sie haben, da ist alles drauf. Lieferanten, Kundendaten, Einkaufsvolumina, Rahmenverträge.“ Krass. Der lügt nicht nur, er betrügt auch. Ich habe es mit einem Nestbeschmutzer zu tun. Mir fällt spontan ein altes deutsches Sprichwort ein, in dem es heißt „man beißt die Hand nicht, die einen füttert.“ Aber nach diesem Grundsatz scheint Herr Fiedler nicht zu handeln. Das zeigt sich auch, als ich mich vorsichtig weiter vortaste und frage: „Was würde denn Ihr Chef dazu sagen, wenn er von diesem Deal wüsste?“ Statt in Demut zu verfallen oder zumindest rot zu werden, lehnt sich Herr Fiedler zurück, verschränkt die Arme vor der Brust und erzählt freimütig, dass er von diversen Zollverstößen wisse und seinen Chef damit quasi in der Hand habe. Er brauche nur zur Polizei zu gehen. Und dann will er abschließend noch ganz dreist von mir wissen, wie er bei einer Kündigung eine möglichst hohe Abfindung rausschlagen kann. Unglaublich!

Grundsätzlich kläre ich Mitarbeiter oder Bewerber gerne in puncto Arbeitsrecht auf, denn es gibt einfach zu viele Halbwahrheiten, die uns Personalverantwortlichen das Leben schwer machen. Weit verbreitet ist beispielsweise die Annahme, dass man eine Abfindung bekommt, wenn man kündigt. Entbehrt eigentlich jeglicher Logik, denn eine Abfindung dient der Abfederung sozialer Härten im Falle einer betriebsbedingten Kündigung. Wer hingegen selbst kündigt, trägt auch das Risiko der anschließenden Arbeitslosigkeit. Aber die Leute wollen das gerne glauben. Diesen Sachverhalt richtig zu stellen, dauert in der Regel drei Minuten.

Im Fall von Herrn Fiedler bin ich nicht darum bemüht, ihn aufzuklären. Weder, dass er sich strafbar macht, wenn er von einem Gesetzesverstoß weiß und diesen nicht zur Anzeige bringt, was seine Bürgerpflicht ist und wofür er als Mittäter zur Rechenschaft gezogen werden kann, noch dass die Idee mit der Abfindung als räuberische Erpressung gesehen werden kann. Und ich sage ihm auch nicht, dass Herr Jensen kein Mitbewerber, sondern ein sehr guter Mitarbeiter ist, der vor zwei Jahren zum Abteilungsleiter befördert wurde. Ich fordere Herrn Fiedler auf, sein Datenmaterial mitzunehmen und erkläre das Gespräch für beendet. Freundlich aber bestimmt komplementiere ich ihn hinaus. Der zweite herbe Abgang heute. In der Teeküche berichte ich unserem Geschäftsführer von dem verstörenden Vorfall und er fragt am Ende meiner Ausführung lediglich: „Aber den Stick, den haben Sie doch?“

Der Tipp: Schlecht über einen Ex-Arbeitgeber oder den Noch-Arbeitgeber zu sprechen, ist ein Sargnagel. Immerhin muss man davon ausgehen, dass sich das Vorgehen wiederholt, sollte das Arbeitsverhältnis erneut in die Brüche gehen. Die Verschwiegenheitspflicht im Arbeitsverhältnis, die man mit dem Arbeitsvertrag unterschreibt, wirkt im Übrigen über das Ende der Beschäftigung hinaus und kann strafrechtlich verfolgt werden. Das sollte ein Nestbeschmutzer wissen.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

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