Outfit

Outfit
Vanessa di Mori
Bequem zurücklehnen und anhören.

Ich bin heute tatsächlich etwas eher aufgestanden, als üblich. Ich habe heute nämlich ein Vorstellungs­gespräch. Nein, ich stelle mich nicht vor, sondern ich habe heute eine Bewerberin zu Gast. Sie stellt sich vor. Was sie im Moment macht, kann ich mir denken: sie wird vor dem Spiegel stehen, mit eben der Frage, die auch mich umtreibt: „Was ziehe ich heute an?“. Das ist jetzt kein Witz. An Tagen, an denen ich Bewerber zu Gast habe, achte ich ganz besonders auf mein Äußeres. Dabei geht es nicht um Konkurrenz, sondern um Respekt dem Bewerber gegenüber. Und heute wird es eng für mich, denn ich möchte die Stelle einer Rezeptionistin besetzen. Ich muss neidlos anerkennen, dass meine heutige Bewerberin allein schon vom Bild her einen ansprechenden Eindruck macht. Bei meinem Kollegen könnte sie mit ihrem Äußeren punkten; aber sie fällt in meinen Betreuungsbereich. Mein Kollege würde jetzt aber auch nicht vor dem Spiegel stehen und sich fragen, was er anziehen soll, denn er vertritt den Standpunkt, dass er den Job ja schon hat; ergo muss er sich nicht mehr in Schale werfen. Tja. Da scheiden sich die Geister.

Als ich Vanessa di Mori am Empfang abhole, habe ich spontan die Idee, ihr gleich den Platz hinter dem Tresen anzuweisen. Sie passt allein schon optisch perfekt. Sie ist sehr gepflegt, hat aufgrund südländischer Vorfahren dunkle, braune Augen, die einen unweigerlich in ihren Bann ziehen, eine samtig glänzende, reine Haut und lange dunkle Haare. Sie trägt ein Businesskostüm mit Bleistiftrock und dazu farblich passende Pumps. Nur eine Strumpfhose trägt sie nicht. Das widerspricht der Business-Etikette hier im Haus. Da müsste ich ein bisschen korrigierend eingreifen.  Im Besprechungszimmer angekommen, biete ich Frau di Mori einen Platz an. Sie zögert, hält die Luft an und lässt sich langsam und ganz vorsichtig auf der vorderen Kante des Stuhls nieder. So verharrt sie zunächst. Ich hoffe sekundenlang, dass sie sich durchringt, noch einmal Luft zu holen – und das tut sie dann auch. Sichtlich erleichtert, dass die Nähte des Rockes gehalten haben. Vor drei Kilo passte er offensichtlich besser. Dann beginnt sie emsig, ihre Handtasche auszupacken und drapiert ein kleines Notizbuch mit Ledereinband und einen Kugelschreiber mit eingraviertem Namen vor sich auf dem Tisch. Es folgt ein beschriebenes DIN-A-4 Blatt. Ich denke mal, das sind die Fragen, die sie heute geklärt haben möchte. Sie ist gut vorbereitet. Pluspunkt! Im Hinterkopf halte ich fest, dass ich die Möglichkeit zur Abarbeitung der Fragen bei meiner Zeiteinteilung berücksichtigen muss. Inzwischen hat sie ihr Handy auf den Tisch gelegt und streicht noch einmal sanft über das Display, bevor sie es in den Flugmodus versetzt. Tut mir leid, das geht gar nicht. Frau di Mori greift erneut in ihre Handtasche und holt zwei Hustenbonbons, Taschentücher und einen Talisman hervor. Taschentücher und Hustenbonbons könnte sie eventuell tatsächlich brauchen; was mich irritiert, ist der Frosch aus Rosenquarz, den sie mir unaufgefordert als Glücksbringer seit ihrer Schulzeit vorstellt. Hätte der nicht in der Handtasche bleiben können? Überhaupt bin ich vom Fassungsvermögen der kleinen Handtasche begeistert, denn ich gehe davon aus, dass sich darin auch noch ein Geldbeutel, ein Schlüsselbund mit Ledertäschchen für den Einkaufschip, Hygiene- und Kosmetikartikel, eine Powerbank und eine Taschenlampe befinden. In einer Seitentasche wird sie zudem Nähzeug, ein Taschenmesser und Streichhölzer haben. Alles, was man halt so braucht, wenn man das Haus verlässt.

Vanessa di Mori ist eine aufgeweckte, junge Frau und es ist angenehm, mit ihr zu sprechen. Zunächst erzählt sie von ihren bisherigen Stellen am Empfang großer Hotels im In- und Ausland und als es in ihrem Lebenslauf einen Einschnitt gibt und sie eine Umschulung zur Bürokauffrau wagt, zieht sie sich kurzerhand den Blazer aus und drapiert ihn sorgfältig über ihrer Stuhllehne. Gut, als Frau darf sie das, ein Mann hätte um Erlaubnis fragen müssen. In diesen Winkel der Business-Knigge-Regeln ist die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau noch nicht vorgedrungen. Frau di Mori erzählt munter weiter und als ich nach ihren Aufgaben in der letzten Firma frage, nimmt sie sich die Brille ab und kaut zunächst auf dem kunststoffbezogenen Bügel herum, bevor sie die Brille vor sich ablegt und auf die Frage antwortet. Zu lange überlegt, meine Liebe. Auf die Frage nach der letzten Stelle, der ausgeführten Aufgaben und der übernommenen Verantwortung sollte ein Bewerber immer gefasst sein. Mich irritiert aber auch die abgelegte Brille und ich frage mehr konstatierend, als eine Antwort erwartend, mit einem Fingerzeig auf die Brille: „Die brauchen Sie gar nicht?“. Ich staune nicht schlecht, als Frau di Mori sagt: „Nein, da ist nur Fensterglas drin. Aber die Brille gibt mir so einen intellektuellen Touch.“ Und ich dachte bisher, das machen nur die Verkäufer bei Fielmann.

Nachdem wir die berufliche Vergangenheit von Frau di Mori abgehandelt haben, frage ich „Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?“. Auf diese Frage ist Frau di Mori sehr gut vorbereitet. Sie berichtet ohne große Emotionen, dass sie allein lebt, derzeit keinen Partner hat und sich auch keine eigenen Kinder vorstellen kann. Ich hebe die Augenbrauen nach dieser ausführlichen Schilderung. Als ich präzisiere, dass meine Frage auf die berufliche Perspektive und nicht ihr Privatleben abzielte, wird sie nervös und legt nacheinander ihre Armbanduhr, ein Armband und einen großen Schmuckring ab. Vor ihr auf dem Tisch sieht es mittlerweile aus, wie in einem Gemischtwarenladen. Es fehlen nur noch die Preisschilder.

Dann klingelt das Telefon und ich bitte Frau di Mori, das Gespräch anzunehmen. Klar ist sie irritiert. Wer sollte sie schon in einem Besprechungszimmer einer fremden Firma sprechen wollen? Aber sie merkt schnell, dass eben dies Teil des Planes ist. Am anderen Ende der Leitung ist mein Kollege und er versucht mit ein paar gezielten Fragen, herauszufinden, wie gut Frau di Mori tatsächlich englisch spricht. „Fließend“ hat sie im Lebenslauf geschrieben. Und genau das will ich nun prüfen und drücke mit einem Lächeln die Lautsprechertaste an, um das Gespräch mitanzuhören. Was ich dann erlebe, ist ein reines Desaster. Mein Kollege stammelt in knappen Ein-Wort-Sätzen wirres Zeug und Frau di Mori gestikuliert wild in meine Richtung, dass sie nicht weiß, was und wie sie darauf antworten soll. Vielleicht hätte ich zunächst die Englischkenntnisse meines Kollegen überprüfen sollen? Ich schwöre mir insgeheim, dass ich mich nie wieder auf dieses Spiel einlasse und beende die Scharade. Als ich Frau di Mori entschuldigende und gleichzeitig erklärende Worte entgegenbringe, nestelt sie an ihrem Zopf, befreit die Haare von einem Haargummi und schüttelt sie mehrfach nach links und rechts durch. Headbanging im Vorstellungsgespräch. Vor meinem geistigen Auge sehe ich viele kleine, weiße Schuppen durch den Raum wirbeln. Geht´s noch? Sarkastisch frage ich nach: „Darf ich Ihnen auch eine Nagelfeile anbieten?“. Sie versteht den Frontalangriff nicht und sagt: „Nein, danke. Ich habe eine dabei.“ Natürlich! In ihrer Handtasche.

Nachdem ich kurz das Aufgabengebiet dargelegt habe, sage ich aufmunternd: „Kommen Sie! Wir gehen mal und schauen uns Ihren potenziellen neuen Arbeitsplatz an!“. Augenblicklich taucht Frau di Mori ab und verschwindet unter dem Besprechungszimmertisch. Als ich nach ihr schaue, sehe ich, dass sie inzwischen auch die Schuhe ausgezogen hat. Würde jemand durchs Fenster schauen, könnte er den Eindruck gewinnen, wir würden Strip-Poker spielen. Und dann wäre Frau di Mori offensichtlich am Verlieren, denn ich musste noch nichts ablegen. Während Frau di Mori in ihre Schuhe schlüpft, zeige ich auf die Dinge auf dem Tisch und sage: „Das können Sie alles hierlassen. Wir sind gleich wieder zurück!“, und dabei kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Ich werde darauf achten müssen, dass sie am Ende alles wieder mitnimmt. Als wir zur Rezeption kommen und die dortigen Mitarbeiterinnen begrüßen, stelle ich Ihnen eine, auf ein Minimum reduzierte, Dame vor. Als eine Rezeptionistin nachfragt, ob Frau di Mori bei ihrer Ankunft nicht eine Brille trug, müssen wir beide lachen. Die Frauen kommen schnell ins Gespräch und ich erkenne, dass die Chemie offensichtlich stimmt. Es ist wichtig, dem Bewerber den zukünftigen Arbeitsplatz kurz zu zeigen. Frau di Mori wird hier bis zu 40 Stunden in der Woche verbringen; da sollte sie nicht die Katze im Sack kaufen. Und so bekommt sie einen Eindruck vom Umfeld und den Kolleginnen. Wir gehen zurück ins Besprechungszimmer und Frau di Mori legt ihren Schmuck wieder an, setzt die Brille auf, zieht den Blazer an und packt all ihre Sachen, mitsamt dem Talisman in ihre Tasche. Als ich sie auf eventuelle Fragen auf ihrer Liste anspreche, wiegelt sie ab und meint: „Ach, da stand gar nichts wichtiges drauf. Die war nur so.“ Na, Sie machen mir Spaß!

Am Nachmittag erstelle ich einen Arbeitsvertrag für Frau die Mori und frage bei der Haustechnik nach, ob es einen freien, extra großen Spind für unsere neue Mitarbeiterin gibt.

Tipp: Die Kleidung spielt für Bewerber eine große Rolle. Aber nicht im Sinne der Optik. Es ist nicht die Frage, ob man schlecht gekleidet oder overdressed erscheint. Für den guten Eindruck muss die Kleidung sauber und gepflegt sein. Viel wichtiger aber ist, dass sie bequem sitzt und den Bewerber nicht negativ beeinträchtigt. Kneifende und zwickende Kleidung bewirkt, dass man sich nicht auf das Gespräch und den Gesprächspartner konzentrieren kann. Und genau das sollte man im Bewerbungsgespräch tun.
Wer dennoch alles richtig machen möchte, der zieht sich einen Tick besser an, als er – einen positiven Vertragsabschluss vorausgesetzt – morgen zur Arbeit kommen würde. Also kommt der kaufmännische Angestellte nicht im Jogginganzug und der Lagerarbeiter nicht in Hemd und Krawatte. Oder vielleicht doch? Aber das ist eine andere Geschichte.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

1 Kommentar zu „Outfit

  1. Klasse!! Die Geschichte ist zum Wegschmeißen!
    Ich hatte mal einen Bewerber, der kam in Badelatschen und Hawaii-Badeshorts. Dass er den Oberkörper mit einem T-Shirt bedeckt hatte glich einem Wunder.