Pilotenkoffer

Pilotenkoffer
Carsten Finkbeiner
Bequem zurücklehnen und anhören.

Es gibt Berufsgruppen, die mag ich einfach. Ingenieure zählen beispielsweise dazu. Sie sind unkompliziert, präzise und grundehrlich. Nein, das ist nicht irgendein Vorurteil; das sind Erfahrungswerte, die ich über viele entsprechende Einstellungen hinweg gesammelt habe. Und weil das so ist, kommt im Falle meines heutigen Bewerbers eine Art selbsterfüllende Prophezeiung ins Spiel. Eigentlich muss Carsten Finkbeiner nur noch die Frage, weshalb das letzte Beschäftigungsverhältnis endete, plausibel beantworten, dann steht einer Einstellung nichts mehr im Wege. Ein bisschen werde ich mich in meiner Euphorie aber gedulden müssen, denn zu einem Vertragsschluss wird es heute nicht kommen. Sein zukünftiger Fachvorgesetzter wird dem Gespräch nicht beiwohnen können. Ein Problem bei einem Kunden erfordert seine dortige Anwesenheit und so werde ich das Gespräch allein führen. Da ich aber nicht für den fachlichen Teil verantwortlich zeichnen kann, wird es ein zweites Gespräch geben. Heute also nur eine Sondierung unter Personalgesichtspunkten und kommende Woche das Fachgespräch unter Auslotung des Gehalts. Soweit der Plan.

Herr Finkbeiner kommt mit leicht zur Seite geneigtem Gang über den langen Flur gelaufen. Ursächlich hierfür ist ein Pilotenkoffer, den er fest in der rechten Hand trägt. Pilotenkoffer sind diese extrabreiten, schweren Lederkoffer, die ihren Namen bekamen, weil sie ursprünglich von Piloten eingesetzt wurden. Darin fand sich Platz für Kartenmaterial, Bordpapiere und Übernachtungskleidung. Heute werden sie auch von anderen Berufsgruppen gerne genutzt. Beispielsweise von Anwälten, die neben schweren Prozessakten und Gesetzesbüchern auch die Robe darin verstauen können. Oder von Lehrern, die neben Unterrichtsmaterial für verschiedene Klassen auch Notfall-Klassenarbeiten und ein großes Vesper darin unterbringen können. Für Ingenieure ist das eher ungewöhnlich. Sie kommen zumeist mit einer schlichten Aktentasche aus feinem Leder oder einem übergroßen Organizer ins Gespräch. Nun, Herr Finkbeiner hat im Anschreiben deutlich gemacht, dass er die Arbeit jederzeit bei uns aufnehmen könnte. Vielleicht hat er seine persönliche Schreibtischausstattung gleich mitgebracht?

Herr Finkbeiner ist smart und bekommt zunächst Sympathiepunkte. Das schlägt allerdings gewaltig um, als ich sehe, wie er ein Zuckerpäckchen vom Rand seiner Untertasse völlig galant im Ärmel seines Jacketts verschwinden lasst. Während er weiter ungeniert von den umfangreichen Tätigkeiten bei seinem letzten Arbeitgeber erzählt, lehnt er sich im Stuhl weit zurück und just in dem Moment, als ich nachhake und die Konzentration auf meiner Seite liegt, lässt er das Zuckerpäckchen in die Außentasche seines Jacketts gleiten. Das ist ja der Hammer!

Es könnte sein, dass mir gegenüber jemand sitzt, der den Eigentumsbegriff sehr zu seinen Gunsten auslegt. Ich bin gewarnt und lasse es auf einen Versuch ankommen. „Macht es Ihnen etwas aus, wenn ich das Fenster öffne?“, frage ich möglichst arglos. Herrn Finkbeiner scheint das sehr entgegenzukommen. In den wenigen Sekunden, in denen ich mich dem Fenster zuwende und er unbeobachtet ist, verschwindet auch das zweite Zuckerpäckchen und der Kaffeelöffel. Kaum zu glauben. Ich platze fast, denn in mir macht sich eine ungewohnte Mischung aus Irritation und Staunen, aber auch aus Faszination breit. Ich will wissen, wie weit er geht. Eine Chance, meine Neugier zu stillen, bietet sich im Zuge der Lebenslaufanalyse. Wir gehen gemeinsam die bisherigen Arbeitsstellen von Herrn Finkbeiner durch. Parallel blättere ich in den mir vorliegenden Unterlagen. Dann stelle ich mit gespieltem Erstaunen fest, dass mir das Zeugnis aus seiner letzten Beschäftigung fehlt. Das ist glatt gelogen, denn ich halte es fest in der linken Hand zusammen mit dem Lebenslauf. Herr Finkbeiner hingegen greift ohne zu zögern in seinen Koffer und holt seine Originalunterlagen hervor. Ich frage, ob ich mir eine Kopie machen könne und er bejaht.

Nun zahlt es sich aus, dass ich schon als Kind bei Rudi Carrell und der Fernsehshow „Am laufenden Band“ mitgeraten habe. Damals sind unterschiedliche Alltagsgegenstände auf einem Förderband an den Kandidaten vorbeigezogen. Sie und die Fernsehzuschauer sollten sich so viele Dinge wie möglich merken und kurz darauf wiedergeben. Genau das versuche ich nun auch und präge mir den Besprechungstisch genau ein. In der Mitte ist eine Vertiefung und darin lauern eine Menge Möglichkeiten. Einen kurzen Blick lasse ich noch über das Fensterbrett und das Sideboard auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes schweifen, dann verlasse ich den Raum in Richtung Kopierer.

Als ich zurückkomme ist auch mein Kaffeelöffel weg. Ferner fast alles, was in der Tischmitte lagerte. Blöcke, Kugelschreiber und ein Radiergummi, Flaschenöffner, Feuerzeug und Pfefferminzbonbons, zwei elektronische Kabel, von denen ich nicht einmal sagen kann, was sie verbinden sollten und mein Taschenrechner. Ein übergroßer Taschenrechner mit wenig Funktionen, dafür aber treffsicheren Tasten und einem großen Display, auf dem man Bewerbern demonstrativ das geforderte Gehalt kleinrechnen kann. Damit ist er zu weit gegangen. Als sich mein Blick von der Tischmitte löst, sehe ich, dass auch die Magnete an der Magnettafel über dem Sideboard fehlen und selbst das Thermometer, das vor langer Zeit aus der Halterung gebrochen war und seither achtlos im Fensterbrett lag, fehlt.

Herr Finkbeiner hat ganze Arbeit geleistet. Als Personaler muss ich ihm zugestehen, dass er zielstrebig und konsequent handelt und seine Möglichkeiten voll ausschöpft. Mal abgesehen von diesem etwas kruden Feldversuch mit vorhersehbarem Ausgang erklärt sich für mich auch die Frage, weshalb mehrere Arbeitsverhältnisse laut Arbeitszeugnis in beiderseitigem Einvernehmen beendet wurden. Das bietet sich nur dann an, wenn eine Kündigung nicht möglich oder zu teuer für den Arbeitgeber ist. Im Fall von Herrn Finkbeiner wird irgendwann aufgefallen sein, dass Dinge fehlten. Es wird einen Verdacht gegen ihn, aber keine stichfesten Beweise gegeben haben. Ich unterstelle ihm eine ausreichende Intelligenz, um trotz seiner Neigung sehr diskret vorzugehen. Also hat man sich per Aufhebung getrennt, ohne Kündigung und damit auch ohne das Kündigungsschutzgesetz in Anspruch zu nehmen. Getreu dem Motto: „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.“

Als ich Herrn Finkbeiner verabschiede, sage ich deutlich unterkühlt: „Die Werbemittel dürfen Sie behalten, aber meinen Taschenrechner hätte ich gerne wieder zurück.“ Herr Finkbeiner gibt sich zunächst arglos und unverständig, erst als ich mich von meinem Platz erhebe, auf den Koffer deute und frage: „Darf ich?“, gibt er klein bei und greift verstohlen in den Koffer. Sorgsam legt er den Taschenrechner zurück in die Tischmitte. Und dann wird Herrn Finkbeiner noch eine ganz besondere Ehre zuteil: ich hole meinen Mantel und begleite ihn durch die langen Firmenflure über den Parkplatz bis zum Werkstor. Das mache ich für gewöhnlich nicht.

Der Tipp: Der Abschlusssatz im Arbeitszeugnis ist für Personalentscheider von großer Wichtigkeit, denn er gibt Aufschluss über den Grund der Beendigung des Arbeitsverhältnisses. Daraus leiten wir Fragen für das Bewerbungsgespräch ab. Es macht tatsächlich einen Unterschied, ob ein Mitarbeiter entlassen wurde („verlässt uns zum …“), ob äußere, betriebliche Umstände ursächlich waren („verlässt uns aus betriebsbedingten Gründen …“), ob der Arbeitnehmer selbst gekündigt hat („verlässt uns auf eigenen Wunsch …“) oder ob man sich „im gegenseitigen Einvernehmen …“ trennte. Besonders im letzten Fall fragen wir sehr interessiert nach.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

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