Pink Lady

Pink Lady
Karolin Krassnitz
Bequem zurücklehnen und anhören.

Als Karolin Krassnitz das Besprechungszimmer betritt, läuft mein Rechenzentrum heiß. Ich suche nach einer Gemeinsamkeit zwischen der jungen Frau, die wie ein frischer Luftzug ins Zimmer kommt und dem Bild, das im rechten oberen Eck der Bewerbung klebt, die vor mir auf dem Tisch liegt. Keine Übereinstimmung. Die Frau auf dem Bild hat blonde, lange Haare, blaue Augen und ein sehr hageres Gesicht. Frau Krassnitz hingegen hat einen Pagenschnitt, den sie in pink eingefärbt hat, braune Augen und dicke Bäckchen. Bevor ich etwas sagen kann, begrüßt mich Frau Krassnitz überschwänglich und plappert sofort drauf los. Mit „Wissen Sie was? Ich erzähl´ Ihnen mal alles, was Sie wissen müssen!“, leitet sie einen Monolog ein, in dem sie ihre bisherige berufliche Laufbahn wiedergibt und dabei einzelne Stationen ihres kargen Arbeitslebens wortgewaltig kommentiert. Meist war die Bezahlung schlecht oder der Chef ein Idiot. Also hat sie hingeschmissen und sich einen neuen Job gesucht. Ich höre nur mit einem Ohr zu, bis sie fragt: „Haben Sie noch Fragen?“ „Wer ist das auf dem Bild?“, will ich zunächst wissen und deute auf das Bewerberfoto auf dem aufgeschlagenen Lebenslauf. „Ach, das ist meine Schwester, die hatte noch Bilder übrig.“, antwortet sie und schaut dabei unschuldig, wie ein Lamm. Also ganz so geht das nicht. Das Bild der Schwester zu nehmen ist schon ein starkes Stück. Passt aber zu Frau Krassnitz. Sie ist offensichtlich auf Krawall gebürstet. In ihrem pinken Haar hat sie viele, kleine, bunte Haarklammern drapiert, die das Pony auf die Seite verlagern. Den Pagenschnitt trägt sie offen, hat sich aber zum Oberkopf hin einen Pferdeschwanz gemacht, der einer Antenne eines Teletubbies gleicht. Mit denen hat sie einiges gemein. Auch sie ist klein und pummelig. Oder eher drall. Sie trägt ein quietschbuntes T-Shirt mit tiefem Ausschnitt, durch den ihre Brüste quellen, als wollten sie an die frische Luft. Und am Sternum hat sie einen Swarovski-Stein. Den Stein fixiere ich offenbar so intensiv, dass Frau Krassnitz plötzlich sagt: „Schön, gell?“ Und auf mein Nachfragen hin erklärt sie mir, dass der Stein mit einer Winde an einer Platte befestigt ist, die man zuvor durch einen Schnitt unter die Haut einführen musste. Jetzt weiß ich auch das. Ungefragt bekomme ich noch eine Einweisung in die Piercings am Nasenflügel und an der Ohrmuschel und die Plugs und sie erzählt mir zu meiner Erleichterung, dass die Strasssteine, die sie als Verlängerung ihrer Augenbrauen trägt, nur aufgeklebt sind. Das sei jetzt total hip und ich könne mir gerne weitere Tipps auf ihrem YouTube-Kanal anschauen. Den führt sie unter #pinklady. Das sei ihr Künstlername. Bisher dachte ich, „Pink Lady“ sei eine Apfelsorte. Extra süß und völlig überzüchtet. Na, da haben wir doch eine Gemeinsamkeit.

Frau Krassnitz erzählt von ihrem YouTube-Kanal und gestikuliert wild mit den Händen, bis sie an der Tischplatte hängenbleibt. Sie schaut auf die neonpink lackierten Fingernägel, die einige Tiere gern als Krallen hätten und stellt panisch fest, dass der Nagel des kleinen Fingers der rechten Hand abgebrochen ist. Sofort rollen Tränen über ihr Gesicht und nehmen große Teile des Augen-Make-ups mit auf ihren Weg nach unten. Ich erkenne sofort den Ernst der Lage und biete Frau Krassnitz an, zur Toilette zu gehen. Und schwupps verschwindet sie Richtung Waschraum. Die kleine Pause tut auch mir gut. Ich blättere noch einmal den Lebenslauf von Frau Krassnitz auf. „Ich hatte schon immer mit Geld zu tun“, hat sie mir glaubhaft versichert. Mal sehen; nach der Ausbildung wurde sie vom Ausbildungsbetrieb nicht übernommen. Das muss noch nichts heißen. Viele Betriebe bilden mehr junge Menschen aus, als sie für den eigenen Nachwuchs brauchen, um eben doch noch eine Auswahl treffen zu können. Ich kann mir vorstellen, dass ihre Azubi-Kollegen leichter zu führen waren. Immer wieder gibt es Lücken von mehreren Monaten im Lebenslauf und dann stets recht kurze Beschäftigungsphasen. Die habe ich mit Bleistift an den Rand geschrieben. Mal sind es vier Monate, also noch innerhalb der regulären Probezeit, als ein Arbeits­verhältnis in die Brüche geht, mal sind es acht Monate. Und die längste Zeit arbeitete Frau Krassnitz in einem Sonnenstudio; allerdings in geringfügiger Beschäftigung. Ferner als Fahrkartenkontrolleurin, in der Drogerie an der Kasse und als Aushilfe auf dem Wochenmarkt. Stimmt, sie hatte immer mit Geld zu tun, aber nie in einer Art, die ich wirklich für eine adäquate Stellenbesetzung brauchen könnte, denn ich suche eine Lohnbuchhalterin.

Als Frau Krassnitz wieder ins Besprechungszimmer kommt, hat sie die linke Hand schützend um den kleinen Finger der rechten Hand gelegt und nimmt langsam auf dem Stuhl Platz. Ich folge meinem Bauchgefühl und sage: „Wissen Sie was, Sie bekommen die Stelle!“ Frau Krassnitz reißt Augen und Mund gleichzeitig auf und quiekt in meine Richtung: „Echt jetzt?“ „Ja. Und jetzt kommt die knallharte Begründung: ich glaube, dass Sie Potenzial haben und hier einen guten Job machen können. Aber ich warne Sie: das ist sicherlich Ihre letzte Chance, Ihren Lebenslauf noch einigermaßen in geordnete Bahnen zu bekommen. Versauen Sie´s nicht.“ Der letzte Satz gehört eigentlich nicht zu meinem regulären Sprachgebrauch, aber in diesem Fall wollte ich einfach nachhaltig verstanden werden. „Echt krass. Dabei sind Sie doch voll bieder.“, kommentiert Frau Krassnitz die Tatsache, dass sie schon in wenigen Tagen hier anfangen kann. Jetzt bin ich diejenige, die Augen und Mund aufreißt und ich frage nach: „Und was bitte ist an mir bieder?“ Frau Krassnitz legt los, als hätte ich ihr in ihrer Abwesenheit ein Wahrheitsserum in den Kaffee gekippt: „Nun, Sie haben ein 08/15-Make-up und Sie haben klar lackierte Fingernägel. Das macht man schon seit dem Krieg nicht mehr. Sie trauen sich einfach nichts. Das sieht man auch an der langweiligen Brille. Überhaupt bin ich mir sicher, dass Sie nur weiße Blusen und dunkle Hosenanzüge im Schrank haben. Voll spießig eben.“

Also ganz so ist es jetzt auch nicht. Mein Make-up fällt in die Kategorie dezentes Tages-Make-up und ich habe auch eine hellblaue Bluse im Schrank; die ziehe ich nur so gut wie nie an. Aber ich zolle Frau Krassnitz Respekt. Ich hätte nicht den Mut gehabt, einer Personalleiterin das so zu sagen. Gleich am Nachmittag schreibe ich einen Arbeitsvertrag für #pinklady und mache für mich einen Termin beim Optiker aus.

Warum ich Frau Krassnitz eingestellt habe? Nun, ich denke, es war eine Mischung aus fehlender Alternativen und dem Funken Hoffnung, dass sie bei gründlicher Einarbeitung und unter guter Anleitung doch noch eine solide Mitarbeiterin werden könnte. Manchmal bin ich eben mutig, auch wenn ich nach außen hin bieder erscheine.

Ob meine Rechnung aufgegangen ist? Ich denke schon, denn als ich vier Jahre später das Unternehmen verlassen habe, hat Frau Krassnitz dort noch gearbeitet.

Der Tipp: Das Bewerberfoto sollte den Bewerber widerspiegeln. In vielen Bewerbungs­trainings­büchern steht als Empfehlung, dass es nicht älter als sechs Monate sein sollte. Das sehe ich nicht so. Wie alt das Bild ist, ist erst mal unerheblich und es spielt auch nicht so sehr eine Rolle, ob Frisur und Haarfarbe noch stimmen, bis man ins Bewerbungsgespräch kommt. Immerhin ist die Frisur ein Merkmal, das sich bei Frauen an einem einzigen Nachmittag beim Friseur komplett ändern kann. Wichtig ist allerdings, dass das Bild von einem Fachmann gemacht wurde, denn ein guter Fotograf kann einen buchstäblich ins rechte Licht rücken. Und daran sollte man als Bewerber interessiert sein. Der richtige Platz für das Bild ist noch immer rechts oben im Lebenslauf. Wer allerdings möchte, kann das Bild auf ein Deckblatt auslagern; auch bei digital erstellten Unterlagen.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

2 Kommentare zu „Pink Lady

  1. Die Einstellung zeugt von Mut- und die Einschätzung mit den dunkelblauen Anzügen und den weißen Blusen finde ich zu köstlich!