Pläne

Pläne
Ronny Romatsch
Bequem zurücklehnen und anhören.

In wenigen Monaten wird einer unserer Mitarbeiter in den Ruhestand gehen. Nach 38 Jahren im Betrieb. Ab einer Betriebszugehörigkeit von 25 Jahren werden die Mitarbeiter bei uns in der Firma in 5-Jahres-Schritten geehrt. Diese Ehrungen sind fester Bestandteil der jährlichen Betriebsweihnachtsfeier. Bei der Ehrung für 35 Jahre im Betrieb konnte ich Bernd Beierle bereits ein Geldgeschenk und teuren Wein überreichen. Ich war damals ehrfürchtig beeindruckt. Das ist schon eine Hausnummer. Nun, drei Jahre später sitzt Herr Beierle anlässlich seines Renteneintritts bei mir im Büro und lässt die Jahre bei uns ein bisschen Revue passieren. Den Junior-Chef kennt er bereits aus dessen Zeit im Kinderwagen und kann die ein oder andere nette Anekdote erzählen, die ich vielleicht bei Gelegenheit mal anbringen werde. Herr Beierle hat alles mitgetragen; die Anfangsjahre, die Wirtschaftskrise und die Umstellung von einem kleinen, inhabergeführten Familienbetrieb zu einem mittelständischen Unternehmen. Seine Aufgaben in der Firma hat er gern erledigt. Er hat sich immer weitergebildet, nach Verbesserungen gesucht und er würde auch gerne weiterarbeiten, wie er mir mit zitternden Händen erzählt. Er hat Angst vor der Zeit, in der er nicht mehr gebraucht wird. Schon komisch. Da fiebert man einen Großteil des Erwerbslebens darauf hin, in den „wohlverdienten Ruhestand“ gehen zu können, und wenn es dann soweit ist, möchte man doch lieber an Bekanntem festhalten und weiterarbeiten. Auch Herr Beierle hatte Pläne. Er wollte gemeinsam mit seiner Frau im Wohnmobil durch Deutschland, die Schweiz und Österreich reisen. Er wollte sein Elternhaus von Grund auf renovieren und in Eigentumswohnungen umwandeln. Und er wollte endlich viel Zeit mit den Enkeln verbringen. Ein goldener Herbst sollte es werden. Seine Pläne platzten wie eine Seifenblase, als im letzten Jahr völlig unerwartet seine Frau verstarb. Und seine Enkel leben für mindestens vier Jahre in den USA, weil sein Sohn ein entsprechendes berufliches Angebot nicht abschlagen wollte. Herr Beierle scheidet aus dem Erwerbsleben aus und ist allein. Ich will ihm Tribut zollen und das Gespräch doch noch in eine positive Richtung lenken, deshalb sage ich anerkennend: „38 Jahre treu im Betrieb geblieben!“ Gleichzeitig schnürt es mir die Kehle zu, denn meine bisher längste Verweildauer in einem Betrieb liegt bei 4 Jahren und 2 Monaten, worauf ich schon sehr stolz bin. Ohne nachzudenken setze ich nach und sage betont langsam und Silbe für Silbe: „38 Jahre jeden Morgen durch die gleiche Tür gehen?“ Aber Herr Beierle wehrt ab und sagt: „Nein, nein, wir haben ja zwischendurch umgebaut und da wurde auch die Tür erneuert.“ Sicher doch.

Nun suche ich Ersatz für Herrn Beierle. Eigentlich ist das kaum möglich, denn er hinterlässt eine Lücke, die man unmöglich schließen kann. Er kennt jeden im Betrieb, er kennt alle Betriebsvorgänge seinen Bereich betreffend. Er kennt alle Kunden über Jahre hinweg und ich weiß, dass er teils freundschaftliche Beziehungen zu diesen unterhält. Wie soll ich ihn ersetzen? Ganz gleich, wen ich einsetze, er wird dem Vergleich mit seinem Vorgänger nicht standhalten. „So wie Herr Beierle soll der Neue sein!“, hatte mir sein Vorgesetzter mit auf den Weg gegeben. Aber wie soll das gehen?

Nun habe ich Ronny Romatsch im Gespräch. Ich merke gleich, dass er so gar nicht „wie unser Herr Beierle“ ist. Er ist oberflächlich und ein wenig flapsig. “Moin, moin, dann woll´n wir mal ein bisschen miteinander snacken!“, hat er mir gesagt, als er durch die Tür meines Büros kam und sich schwungvoll in einen Stuhl warf, den ich ihm nicht zugewiesen hatte. Und was soll die norddeutsch anmutende Sprache, wenn er in Süddeutschland geboren wurde und Schule, Ausbildung und Arbeitsplätze im Umkreis von 20 km zu seinem Heimatdorf – also auch in Süddeutschland – liegen? Ist das der Hauch der großen weiten Welt? Will er sich weltmännisch zeigen? Ein paar Sätze weiter, weiß ich, wie ich ihn einordnen muss: Ronny Romatsch ist ein Angeber. Er war, seiner Schilderung nach, der Beste in der Schule. Tatsächlich hat er einen mittelmäßigen Schulabschluss im Anhang zu seiner Bewerbung. Angesprochen auf seine letzte Stelle erzählt er überschwänglich und ausführlich, wieviel Budget er zur Verfügung hatte, wieviel Verantwortung auf seinen Schultern lastete und wie wichtig er für die Firma war. Ich rufe mir den Abschlusssatz des entsprechenden Arbeitszeugnisses in Erinnerung: „… verlässt das Unternehmen in beiderseitigem Einvernehmen“. Ja, das schreibe ich auch immer, wenn ich froh bin, dass wir den Mitarbeiter nicht länger auf der Gehaltsliste haben. Auch da wird seine Wahrnehmung, sich und seine Arbeitsleistung betreffend, ein bisschen verzerrt sein. Dennoch halte ich an dem Bewerber fest und frage routiniert: „Wo sehen Sie sich in 4 bis 5 Jahren?“ Herr Romatsch wechselt auffallend theatralisch die Sitzposition, atmet tief und hörbar aus und hebt dann untermalt von einer ausladenden Handbewegung an: „Nun, ich will ehrlich zu Ihnen sein…“. Augenblicklich klingelt bei mir die erste Alarmglocke. Wie ich diesen Satz hasse. Er zeigt doch auf, dass er bisher nicht so ganz ehrlich zu mir war. Offenbar will er nun die Strategie ändern. Ist das jetzt so was wie eine Freundschaftsanfrage? Nach einer Kunstpause, die untermauern soll, dass ihm der zweite Satzteil nicht leicht über die Lippen geht, sagt er: „Ich habe eine Green Card beantragt. Sobald ich die habe, bin ich in Amerika.“ Er legt den Kopf keck zur Seite und lächelt mich an. Wahrscheinlich will er jetzt auch noch ein Lob?

Lieber Herr Romatsch, Sie haben sich gerade selbst abgeschossen. Ich suche einen Ersatz für einen der loyalsten Mitarbeiter, die ich bislang kennenlernen durfte. Glauben Sie im Ernst, dass ich die Stelle mit Jemandem besetze, der bereits auf gepackten Koffern sitzt? Um vielleicht in wenigen Wochen oder Monaten die gleiche Suche noch einmal zu starten? Ganz bestimmt nicht!

Das sage ich meinem Gegenüber freilich nicht. Aber ich bin froh, dass nun Klarheit herrscht. Seine Anwandlungen habe ich nach und nach toleriert. Nun bin ich froh, dass Herr Romatsch mir die Entscheidung über eine mögliche Einstellung abgenommen hat. Als wir uns verabschieden, fragt er noch in der Tür, ob er mich zu seinen Kontakten in sozialen Netzwerken hinzufügen kann. Wiederum ehrlich sagt er, dass es immer einen guten Eindruck macht, wenn man Personalleiter im Freundeskreis hat. „Nein“, ist meine knappe und ebenso erfrischend ehrliche Antwort. Auf ganz eigentümliche Weise verstehen wir beide uns doch.

Tipp: Es ist nichts für die Ewigkeit und auch die Zeit, in der man in einem Betrieb eine Ausbildung durchlaufen hat und bis zur Rente blieb, ist vorbei. Im Gegenteil; die Verweildauer in Betrieben wird immer kürzer. Ein Firmenjubiläum über 20 Jahre Zugehörigkeit ist schon etwas Besonderes geworden. Dennoch haben wir bei einer Stellenbesetzung die ganz klare Vorstellung, dass wir die Stelle auf vier Jahre oder im besten Fall länger besetzen wollen. Daher ist die Frage „Wo sehen Sie sich in 4 bis 5 Jahren?“ nicht ganz so harmlos, wie sie auf den ersten Blick vielleicht scheint. Wer hier an die Beantwortung der Frage zu forsch rangeht und mit einem Pokerface und tief gedämpfter Stimme sagt: „In 4 bis 5 Jahren werde ich auf Ihrem Stuhl sitzen!“, muss immer dann mit einer Absage rechnen, wenn der Gesprächspartner noch mehr als 4 bis 5 Jahre vom eigenen Ruhestand entfernt ist. Dann kommt dieser Ausspruch einer offenen Drohung gleich.
Wer hingegen zaghaft mit „Ich weiß es nicht.“, antwortet, zeigt auf, dass er keinen wirklichen Plan hat und auch das ist nicht gerade ein Pluspunkt. Uns Personalern zaubert es hingegen ein Lächeln ins Gesicht, wenn uns glaubhaft versichert wird: „Zunächst möchte ich mich einlernen und einen guten Job machen. Später kann ich mir vorstellen, die ein oder andere Zusatzaufgabe zu übernehmen oder mich fortzubilden:“ Yippieh! Sag ich nur.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

1 Kommentar zu „Pläne

  1. Vielen Dank für die neue erfrischende Kurzgeschichte. Liest sich einfach immer gut und einige Tipps konnte ich schon gut anwenden.