Plaudertasche

Plaudertasche
Peggy von Arnstedt-Paulsen
Bequem zurücklehnen und anhören.

Tja, wie soll sie sein, die neue Büroleiterin? Eines ist klar: anders, als die Letzte. Nicole Schütt war eine gute und gewissenhafte Mitarbeiterin. Das war damals auch der Grund, weshalb der Bereichsleiter sie als Büroleiterin eingesetzt hat. Aber wie so oft eignet sich das beste Pferd im Stall nicht zwingend als Führungskraft. Und wer musste das ausbaden? Ich. Mindestens zwei Mal pro Tag saß Frau Schütt bei mir im Büro und zeigte mir ungewollt, aber allzu deutlich auf, dass sie der Führungsrolle nicht gewachsen war. Mal schimpfte sie über missachtete Anweisungen, mal weinte sie, weil sie sich von den ehemaligen Kolleginnen gemobbt fühlte. Wann immer Frau Schütt eine Anweisung an ihr Team gab, kam das Totschlagargument: „Spiel dich nicht auf, immerhin warst du mal eine von uns!“ Ob tatsächlich ausgesprochen, oder latent im Raum schwebend ist dabei unerheblich. Sie hatte tatsächlich einen schweren Stand, denn eine bloße Ernennung zur Führungskraft reicht in der Regel nicht aus, um sich die notwendige Akzeptanz in der Gruppe zu verschaffen, die man braucht, um ein Team führen zu können. Mir war klar, dass sich in der Abteilung Büromanagement längst eine Subkultur gebildet hatte, an deren Kopf eine hochgradig zwielichtige Mitarbeiterin stand. Fachlich zweifelhaft und menschlich bedenklich, dafür aber Meisterin im Fach der Manipulation. Nun, manche Knoten lösen sich von selbst, denn inzwischen hat Frau Schütt gekündigt, weil sie und ihr Mann Kinder bekommen wollen. Wohlgemerkt, schwanger ist sie nicht. Sie will sich in der nächsten Zeit auf den neuen Lebensabschnitt vorbereiten, Hauswirtschaftskurse und Erziehungskurse belegen. So ist sie eben. Für die Stellenbesetzung ist klar, dass ich eine externe Bewerberin einsetzen werde. Auf keinen Fall werde ich nochmal eine Führungskraft aus den eigenen Reihen rekrutieren. Nicht in dieser Struktur. Nicht mit dieser Vorgeschichte.

Und da kommt meine heutige Bewerberin ins Spiel: Peggy von Arnstedt-Paulsen. Der Name ist Programm, denn sie sieht original aus, wie Miss Piggy aus der Muppet-Show. Sie trägt sogar die markante Perlenkette der Puppendiva. Lediglich die Nase ist anders, als bei der resoluten Handpuppe, die meinem Lieblingsfrosch Kermit damals Woche für Woche so schrecklich zugesetzt und seine Liebe nie erwidert hat.

Nach einem kurzen Smalltalk ziehe ich eine erste Zwischenbilanz: Frau von Arnstedt-Paulsen hat Pfeffer. Für einen kurzen Moment setze ich sie vor meinem geistigen Auge in die Abteilung mit mittlerweile zwölf jungen Damen. Ich sehe, wie sie klar und bestimmt eine Anweisung gibt und beim ersten formulierten Widerstand aus der Gruppe mit den großen Augen rollt, Luft holt, bis das üppige Dekolletee zu bersten droht und die Stimme erhebt, um mit Nachdruck den gleichen Sachverhalt erneut in den Raum zu schmettern. Am Ende der Ausführung wird sie die Hände in die Seite stemmen, was signalisiert, dass sie an dieser Stelle keine weitere Diskussion zulassen wird. Abschließend wird sie mit festem Blick jede der Damen einzeln anschauen, um sicherzugehen, dass ihre Anweisung befolgt wird. Ja, ich kann mir vorstellen, dass sie Ordnung in die Abteilung bringt. Das aber allein wird nicht reichen. Die Damen brauchen, wie alle anderen Gruppen auch, einen starken Vorgesetzten, der ein Ziel vor Augen hat und den Weg dorthin bereitet. Ich will wissen, wie klar Frau von Arnstedt-Paulsen in ihrer Vorstellung der Arbeit einer Büroleiterin ist und frage: „Wie stellen Sie sich denn Ihre Arbeit und insbesondere Ihren Arbeitsplatz vor?“ Frau von Arnstedt-Paulsen winkt lässig ab und gibt zurück: „Ach, ich kann es mir schon schnuckelig einrichten.“ Ganz so war das nicht gemeint, aber bevor ich korrigierend eingreifen kann, ergänzt sie: „Wichtiger ist der Chef.“ Und dann erzählt sie ohne Punkt und Komma und ich bekomme eine Lebenslaufanalyse der ganz besonderen Art. Frau von Arnstedt-Paulsen erzählt von ihrem Ausbildungsbetrieb und einem fürchterlich autoritären Vorgesetzten, der mit Angst regierte. Sie selbst habe die Tage bis zum Ende der Ausbildung gezählt, im letzten Lehrjahr täglich ein Maßband um einen Zentimeter, der einem Tag gleichgesetzt war, abgeschnitten und direkt nach bestandener Abschlussprüfung das Unternehmen verlassen. Aufgeschlagen ist sie in einer Niederlassung eines amerikanischen Konzerns, in dem sie sich zunächst wie im Traumland fühlte. Es gab das hierarchieübergreifende, kollegiale „du“ und alle sollten eine große Familie sein. Ihr Vorgesetzter war, ihren Angaben zufolge, „schnuckelig“, was alles und nichts heißen kann, aber sie wusste nie, woran sie war.  Alles war gut. Bis zu dem Tag, als sie bei einer breit angelegten Gehaltserhöhung übergangen wurde. Man sei mit ihrer Arbeit nicht zufrieden, habe sie von Seiten der Personalabteilung gehört. Ihr Vorgesetzter hielt sich ob der Vorwürfe, er habe nie irgendetwas in diese Richtung gesagt, bedeckt. Er beschwichtigte sie und redete sich raus. Wie immer.

Im darauffolgenden Arbeitsverhältnis hatte sie eine Frau als Vorgesetzte. Trotz anfänglicher Euphorie hat sie schnell erkannt, dass es keine Solidarität unter Frauen gibt und noch in der Probezeit gewechselt. Dann endlich hatte die gute Personalfee ein Einsehen und bedachte sie mit einem wunderbaren Chef. Groß und stark, zielorientiert und ehrgeizig, gleichzeitig aber verständnisvoll und sehr einfühlsam. So einfühlsam, dass sie Herrn von Arnstedt heiratete. Inzwischen hat ihr Mann sie beruflich und privat durch eine jüngere Frau ersetzt, die ihn ebenso anhimmelt, wie sie es vor einiger Zeit auch getan hat. Die Scheidung läuft und für mich klärt sich die Frage, warum sie das Unternehmen verlassen möchte und sich bei uns beworben hat, ohne dass ich weiter nachfragen muss.

Nachdem Frau von Arnstedt-Paulsen mir eine umfangreiche Abhandlung dargeboten hat, wie ein Vorgesetzter nicht sein sollte, merke ich, wie der Kreis enger wird. Um das Gespräch wieder in gemäßigtere Bahnen zu bringen, frage ich: „Frau von Arnstedt-Paulsen, machen wir es doch einmal umgekehrt; wie sollte denn ein idealer Vorgesetzter sein?“ Ohne nach-zudenken sagt sie grinsend: „Na, so wie ich!“ Ich bin erstaunt und fasse provozierend zusammen: „Also sollte ein idealer Vorgesetzter andere nicht zu Wort kommen lassen und die Verschwiegenheitspflicht mit Füßen treten?“ In der Muppet-Show wäre jetzt der Punkt gekommen, an dem Miss Piggy die Argumente ausgehen und sie zum wuchtigen Schlag auf Kermit, den Frosch, ausholt. Aber ich bin nicht Kermit und Frau von Arnstedt-Paulsen ist nicht Miss Piggy, denn sie reagiert äußerst gelassen und sagt: „Sie gefallen mir – Sie haben Humor!“

Mal abgesehen davon, dass ich diese Provokation gegenüber Frau von Arnstedt-Paulsen durchaus ernst gemeint habe, gefällt sie mir auch. Sie hat ein gesundes Selbstbewusstsein und aus der eigenen, schlechten Erfahrung heraus das Ziel, selbst eine gute Vorgesetzte zu sein. Alles andere werden wir hinbekommen, denn sie wird organisatorisch mir unterstellt sein und gar nicht mit einem direkten Vorgesetzten zusammenarbeiten müssen. Und ich bin mir sicher, dass wir Frauen gut miteinander auskommen werden.

Der Tipp: Den idealen Vorgesetzten wird es ebenso wenig geben, wie den idealen Mitarbeiter. Und selbst wenn eine gute Personalfee vorbeikommen würde und ich drei Eigenschaften benennen sollte, die einen guten Vorgesetzen ausmachen, würde ich sie wahrscheinlich nur mit großen Augen anschauen und könnte nicht in Worte fassen, was mir durch den Kopf geht. Also empfiehlt es sich, mit dem zu arbeiten, was wir haben: Menschen, die andere Menschen im Sinne der Unternehmensziele leiten können. Sie sind nicht perfekt, sie verursachen Reibung und sie brauchen den Rückhalt der Unternehmensleitung oder der Personalverantwortlichen, um einen guten Job zu machen.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de