Pralinen

Pralinen
Kuno Kuppinger
Bequem zurücklehnen und anhören.

Also das hatte ich jetzt auch noch nie. Als mein heutiger Bewerber von meiner Sekretärin ins Besprechungszimmer geführt wird, hat er eine überdimensional große Pralinenschachtel unter dem Arm klemmen. Er legt sie sorgsam zwischen uns auf den Tisch und sagt freudig: „Ich dachte, die passen ganz gut.“ Sicher, es ist ja auch schon 10 Uhr. Die Pralinenschachtel erzählt schon eine ganze Menge über meinen Gast, auch wenn sie nicht selbst sprechen kann. Kuno Kuppinger wiegt, vorsichtig geschätzt, 180 kg bei einer Körpergröße von ca. 170 cm. Sein Body-Mass-Index liegt mit Sicherheit im dunkelroten Bereich. Ohne mich zu weit aus dem Fenster zu legen, kann ich behaupten, dass Obst und Gemüse nicht ursächlich dafür sein können. Ich nehme die vor mir sitzenden Tatsachen zur Kenntnis und schlussfolgere, dass das Bewerberfoto auf dem eingereichten Lebenslauf schon etwas älter sein muss. Während Herr Kuppinger mühsam die Frischesiegel an den Rändern der Pralinenschachtel entfernt und sie öffnet, bietet er mir das „du“ an. Ich könne „Rocky“ zu ihm sagen. Natürlich lehne ich ab, frage dann aber doch interessiert nach: „Wie kommt man von Kuno Kuppinger auf den Spitznamen Rocky?“. Immerhin sitzt vor mir kein durchtrainierter Sportler, was man mit dem Namen durchaus assoziieren könnte. Das kommt von engl. „rock“, der Felsen und der Zeit, als er noch Fußball gespielt hat, erklärt er mir stolz. Auch das muss schon eine Weile her sein, seit er einem Fußball hinterhergelaufen ist. Während wir über seine aktuelle Stelle sprechen und er seine Motivation darlegt, weshalb er zu uns wechseln möchte, pult er sich eine Praline nach der nächsten mit seinen knubbeligen Fingern aus der Pralinenschachtel. Es knirscht und knarzt unentwegt und bereits nach einer knappen halben Stunde sind nur noch wenige Pralinen übrig. Ich gleiche vor meinem geistigen Auge ab, ob diese dicken Finger an den dicken Händen, die aufgrund ihrer Masse sichtlich in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind, mit filigranen Messgeräten und Mikroskopen arbeiten können. Immerhin hat sich Herr Kuppinger für eine Stelle in der Qualitätssicherung beworben. Wir werden ihm bei einem Probearbeitstag sehr auf die Finger schauen müssen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Mit der Idee des Probearbeitens betreten wir allerdings sehr dünnes Eis, denn Herr Kuppinger ist in einem laufenden Arbeitsverhältnis. Er kann nicht einfach mal einen Tag frei nehmen oder gar einen erschlichenen Krankenschein bei seinem Arbeitgeber einreichen, um bei uns seine Arbeitskraft unter Beweis zu stellen. Überhaupt ist er nicht unfallversichert, sollte ihm etwas zustoßen. Anders ist das, wenn ein Bewerber in einer Qualifizierungs­maßnahme gelistet ist, sich in einer Trainingsmaßnahme oder Weiterbildung befindet oder arbeitssuchend gemeldet ist. Dann kann man nach telefonischer Rücksprache mit der Agentur für Arbeit eine Probearbeit von bis zu 14 Tagen vereinbaren. Und wenn wir hier schon ein heißes Eisen anpacken, sollten wir auch klarstellen, dass ein Arbeitnehmer, der Leistung erbringt, auch dafür bezahlt werden sollte. Ich weiß, dass hier viel Schindluder getrieben wird und Bewerber, die um einen Job buhlen, ganz gewiss keine Geldforderung stellen. Und so wird dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Mal angenommen, ein Arbeitgeber lässt alle zwei Wochen einen potenziellen Bewerber für 14 Tage zur Probearbeit kommen, dann kann er damit ordentlich Manpower abdecken. Ganz besonders dann, wenn es sich um Arbeitsbereiche handelt, in denen nach kurzer Einarbeitung effektiv gearbeitet werden kann. Der Gedanke, den Arbeitsplatz dauerhaft zu besetzen, kann so schnell in den Hintergrund treten. Will man alles richtig machen, bietet es sich an, den Bewerber zur Hospitation einzuladen. Das ist so eine Art Besuchszoo. Der Bewerber kommt quasi als Gast. Er kann sich in Ruhe alles anschauen, nimmt aber selbst nichts in die Hand und er arbeitet auch nicht mit. Nach zirka zwei Stunden kann er dann entscheiden, ob er seine Bewerbung aufrecht halten will.

Bevor ich Herrn Kuppinger die Möglichkeit einer Hospitation vorschlage, muss ich noch ein paar Dinge abklären. Ich denke, es hat einen Grund, dass er so übergewichtig ist. Und für den Grund interessiere ich mich. Ihn direkt auf sein Übergewicht anzusprechen, wäre pietätlos. Also lasse ich das. Ich habe nicht vor, einen Bewerber zu kompromittieren. Ganz im Gegenteil. Ich habe ihn als Gast eingeladen, also behandle ich ihn höflich und zuvorkommend. Und ich schlucke, dass er meine Gastfreundlichkeit mit Füßen tritt und statt der angebotenen Getränke – immerhin einer Auswahl aus Mineralwasser, Apfelsaft und Orangensaft – nun schon die zweite Dose eines Energy-Drinks öffnet, die er selbst mitgebracht hat. Dann frage ich wie aus heiterem Himmel: „Kochen Sie gerne?“ Herr Kuppinger nimmt sich die nächste Praline, packt das Papier sorgsam aus und legt es zu den anderen auf einen inzwischen angewachsenen Haufen. Er steckt sich die Praline in den Mund und antwortet, der gekauten Masse geschuldet, recht unverständlich: „Nein. Ich esse fast nur Pizza, seit meine Frau weg ist.“ Treffer. Genau das wollte ich wissen. Nicht, warum er übergewichtig ist. Ich kann mitansehen, wie er in kürzester Zeit den Kalorienbedarf einer halben Woche in sich hineinstopft. Die Ursache für das maßlose Essen wollte ich herausbekommen. Und die hat mir Herr Kuppinger auf dem Silbertablett geliefert. Da ich aber nicht im therapeutischen Sektor tätig bin, lenke ich das Gespräch wieder auf die Gegebenheiten bei uns im Betrieb und sage: „Dann wird es Sie freuen, zu hören, dass wir in unserer Kantine einen exzellenten Koch haben, der Wert auf eine ausgewogene Ernährung legt und unseren Speiseplan ganz danach ausrichtet.“ Ich habe die Erwartung, dass Herr Kuppinger sich darüber freuen könnte, aber er entgegnet trocken: „Gut, dann bringe ich mir was von zuhause mit.“

Herr Kuppinger hat offensichtlich Humor. In der Stellenbeschreibung für die offene Stelle in der Qualitätssicherung steht nichts von Humor als Mindestanforderung für einen Stelleninhaber. Aber genau den braucht er, wenn er Fehler in Fertigungsprozessen oder Endprodukten findet und dies seinen Kollegen dann mitteilen muss. Man macht sich nicht unbedingt Freunde, wenn man an der Leistung Anderer Kritik übt oder sie gar auf Fehler hinweist. Und ich traue ihm zu, dass er eben hier eine charmante Art hat, Botschaften zu transportieren.

Für heute sind wir durch und als ich Herrn Kuppinger verabschiede, scheint er doch noch ein dringendes Anliegen zu haben. Ich ermuntere ihn, mich alles zu fragen, was ihm noch wichtig ist. Also fragt er: „Sagen Sie, kann ich die restlichen Pralinen mitnehmen? Sie haben ja ohnehin keine gegessen.“ Das stimmt. Ich mag keine Pralinen. Und dann geht er mit einer fast leeren Pralinenschachtel und einem kurzen Gruß an meiner Sekretärin vorbei.

Herr Kuppinger fing nach Ablauf seiner Kündigungsfrist bei uns an. Er arbeitete sich gut in sein Aufgabengebiet ein und er war schnell bei seinen Kollegen beliebt. Letzteres schreibe ich seinem Humor zu und seiner Fähigkeit, sich selbst nicht so ernst zu nehmen. Noch während der Probezeit und im Alter von nur 34 Jahren erlitt Herr Kuppinger einen Herzinfarkt, von dem er sich leider nicht mehr erholte.

Der Tipp:  Oft fühlen sich Bewerber nach dem Vorstellungsgespräch von Personalverantwortlichen regelrecht ausgequetscht. Das muss nicht sein. Mit ein bisschen Übung in der Gesprächsführung fragt man nach einem Merkmal – hier das Kochen – und bekommt die Antwort auf einen ganz anderen Sachverhalt – hier die familiäre Situation. Da der Bewerber von sich aus erzählt, bekommt er nicht das Gefühl, man hätte ihn ausgefragt. Ganz im Gegenteil. Es passiert häufig, dass sich Bewerber dann am Ende für das angenehme Gespräch bedanken. Und sie werden vielen Menschen in ihrem privaten Umfeld davon berichten. Also ist es angebracht, alle Kraft daran zu setzen, dass sie das Besprechungszimmer mit einem positiven Gefühl verlassen. Auch dann, wenn man bereits nach wenigen Minuten beschlossen hat, die Stelle anderweitig zu vergeben.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de