Schluckauf

Schluckauf
Geraldine Kiesewetter
Bequem zurücklehnen und anhören.

„Uiuiui. Das könnte schwierig werden,“ ist mein erster Gedanke, als ich meiner heutigen Bewerberin Geraldine Kiesewetter die Hand reiche und ihr dabei fest in die Augen schaue. Zwar habe ich mein nettestes Lächeln aufgesetzt, aber das scheint ohne Wirkung, denn bereits Sekunden nach der Begrüßung machen sich hässliche rote Flecken auf dem Hals von Frau Kiesewetter breit. Selbst der bunte Schlauchschal, den sie trägt, kann das nicht verbergen. Auch ihr Gesicht wird dunkler und färbt sich rot. Keine Frage, sie ist aufgeregt. Das ist ja per se nicht schlimm. Wir rechnen sogar damit, dass Bewerber mit einem mulmigen Gefühl, einer Anspannung, einer gewissen Nervosität ins Gespräch kommen. Immerhin geht es für sie hier und heute um einiges. Und wir wissen, mit diesen Erscheinungen umzugehen. In der Regel dehnen wir die Smalltalkphase so lange aus, bis sich unsere Bewerber an Raum und Zeit und uns, als ihre Gesprächspartner gewöhnt haben. Wenn die Atmung dann gleichmäßiger wird, die verkrampfte Sitzhaltung sich lockert und Augen und Gesichtszüge sich entspannen, legen wir mit dem eigentlichen Gespräch los. Alles andere hat ja auch keinen Sinn. Ein Bewerber, der mit seiner eigenen Nervosität zu kämpfen hat, wird nur mit kurzen Sätzen oder mit einem knappen „ja“ und „nein“ antworten. Und das geht ganz klar am Ziel vorbei, denn der Bewerber soll möglichst viel von sich erzählen. Meistens klappt es mit dieser Eingewöhnungsphase zu Beginn auch ganz gut. Obwohl – ich erinnere mich an einen Bewerber, der vor lauter Nervosität mit den Fingernägeln, ähnlich einem Morsegerät, unaufhörlich auf die Resopalplatte des Tisches getrommelt hat. Nach einigen Minuten war selbst ich angespannt und die Lage schien sich für uns beide nicht zu bessern. Da half dann nur noch volle Kraft voraus: ich musste ihn mit seinem Defizit konfrontieren, damit der Knoten platzen konnte. Also sagte ich vorsichtig: „Sind Sie denn sehr nervös?“ Zu meiner Verwunderung verneinte er vehement. Irritiert ergänzte ich: „Ihre Finger trommeln aber auf den Tisch“. „Das machen sie immer, wenn ich aufgeregt bin.“, war seine knappe, aber durchaus korrekte Antwort.

Bei Frau Kiesewetter bin ich zunächst optimistisch und glaube, dass sich ihre Nervosität legen wird. Ich biete ihr einen Kaffee an. Mit den zaghaften Worten: „Nein, lieber nicht!“, lehnt sie mein Angebot ab. Bevor sie ein zweites Mal ablehnen kann, schenke ich uns beiden Mineralwasser ein und schiebe ein Glas kommentarlos zu ihr hinüber. Ich beginne das Gespräch ganz behutsam und mache Frau Kiesewetter zunächst ein Lob für die gute Aufarbeitung ihrer Bewerbungsunterlagen. Tatsächlich ist nicht nur die Aufmachung gelungen, auch inhaltlich hat sie einiges zu bieten. Als ich zu ihr aufschaue, sehe ich ein verlegenes Lächeln. Ich sehe aber auch, dass die Flecken am Hals deutlich heller geworden sind und ihre Atmung flacher geworden ist. Es kann also losgehen. Allerdings werde ich die Samthandschuhe anbehalten. Eine Frage wie „Erzählen Sie doch mal was über sich!“, würde Frau Kiesewetter überfordern. Sie wüsste gar nicht, was die Frage von ihr will und wo sie anfangen sollte. Wahrscheinlich würden sich sofort wieder Flecken am Hals bilden, ihr Puls würde hochschnellen und im schlimmsten Fall einen Herzstillstand verursachen. Nein, bei Frau Kiesewetter muss ich vorsichtig nachfragen und vor allem muss ich Fragen stellen, die sie auch beantworten kann. Also bitte ich sie, ihr Aufgabengebiet in der aktuellen Beschäftigung ein bisschen zu erläutern. Gerade als sie zur Beantwortung meiner Frage anhebt, bekommt sie einen Schluckauf. Als sie dann versucht, diesen zu unterdrücken, wird es nur schlimmer, denn nun bahnt sich auch aufgestaute Luft den Weg nach oben. Dabei wird ihr Oberkörper regelrecht durchgeschüttelt. Es sieht zu komisch aus, aber ich versuche, nicht zu lachen, denn das könnte die missliche Lage von Frau Kiesewetter noch verschlimmern. Auch wenn ich mich zurückhalte, fängt sie zu allem Übel an zu weinen und schluchzt verzweifelt: „Nicht schon wieder!“. Von den Tränen bin ich relativ unbeeindruckt und reiche ihr ein Päckchen mit Taschentüchern. Taschentücher habe ich als Personaler immer griffbereit. Sie sind für mich ein Arbeitsmittel, ebenso wie ein Block und ein funktionierender Kugelschreiber. Und tatsächlich brauche ich sie ab und zu. Nicht für mich, sondern für Menschen, die im Gespräch ihre Gefühle nicht zurückhalten können und in Tränen ausbrechen. Für mich hingegen sind diese kleinen blauen Päckchen ein Schutzschild, eben keine Gefühle zuzulassen. Da steckt eine ganz klare Konditionierung dahinter: Tränen – Taschentücher. Mehr nicht. Wäre ja auch nicht auszudenken, wenn ich beispielsweise eine Kündigung ausspreche, der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin mit Tränen reagiert und ich im Strudel der Gefühlsduselei meine Absicht ändere. Also hart bleiben!

Schluchzend und immer wieder durch den Schluckauf unterbrochen erzählt Frau Kiesewetter, dass sie schon in der Schule gehänselt wurde, weil sie immer mit einem Schluckauf zu kämpfen hatte, wenn der Druck auf sie erhöht wurde. Fragte der Lehrer nach Englischvokabeln, kam als Antwort nur ein Schluckauf, der die Klasse zum Lachen brachte, ihr aber letzten Endes eine schlechte mündliche Note bescherte. Bei der Mannschafts­einteilung im Sport reagierte sie mit einem Schluckauf, sobald sie ihren Namen hörte und verbrachte den Rest des Spiels auf der Ersatzbank. Und den Flötenunterricht hörte sie zumeist vom Schulflur aus, um die anderen Kinder nicht zu stören. Das hat sich bis heute nicht geändert. Sobald das Telefon klingelt und sie sich säuselnd mit dem Firmennamen und dem Zusatz „Was kann ich für Sie tun?“ melden sollte, rülpst sie missverständliche Töne in die Leitung. Sie sei ungeeignet, habe ihr derzeitiger Vorgesetzte im Zorn zu ihr gesagt. Das ist auch der Grund, weshalb sie sich bei uns beworben hat. Sie will das alles hinter sich lassen. Sie will weg. Als sie sich erneut die Nase schnäuzt und erzählt, dass sie sich am Wochenende mit einem netten, jungen Mann getroffen habe und auch das erste Date durch ihren anhaltenden Schluckauf verhauen hat, tut sie mir doch leid. Gerade der letzte Satz hallt bei mir nach. Ich blicke kurz hinüber zur Glastür des Besprechungszimmers und vergewissere mich, dass uns niemand sehen kann. Dann stehe ich auf, gehe auf Frau Kiesewetter zu, beuge mich zu ihr hinunter und umarme sie. Dabei streiche ich ihr über den Rücken. Sie lässt die Umarmung zu und atmet auf einmal ruhig und tief ein. Und in dem Moment ist auch der Schluckauf weg. Ich löse die Umarmung, schaue ihr ungläubig in die Augen und gehe vorsichtig zurück auf meinen Platz. Sie wischt sich die Tränen aus den Augen und putzt sich erneut die Nase. Ich hingegen überlege auf Hochtouren. Ein Einsatz in der telefonischen Kundenbetreuung, den ich für sie ursprünglich vorgesehen hatte, scheidet aus. Soviel ist klar. Aber ist nicht genau das der richtige Ansatz? Uns Personalern obliegt es, unsere Mitarbeiter ihren Fähigkeiten entsprechend einzusetzen. Das machen wir doch sonst auch nicht anders. Ich würde niemals einen Menschen, der sich mit Zahlen schwertut, im Rechnungswesen einsetzen. Und ich würde ebenso wenig einen schüchternen Menschen als Ausbilder Jugendlichen zum Fraß vorsetzen. Und im Fall von Frau Kiesewetter wäre es das Beste, sie müsste nicht telefonieren und hätte wenig Kontakt zu Kunden oder Kollegen. Und dann habe ich einen Geistesblitz und biete ihr die Stelle der wissenschaftlichen Dokumentations­assistentin an. Das deckt sich nicht ganz mit ihrem bisherigen Aufgabengebiet und sie müsste Lehrgänge besuchen. Aber als ich ihr schildere, dass sie größtenteils allein arbeiten wird und maßgeblich für einen einzigen Vorgesetzten tätig wäre, keimt Hoffnung in ihrem Gesicht. Wieder hat sie Tränen in den Augen; aber diesmal sind es Freudentränen.

Der Tipp: Diesmal geht der Tipp an alle Personalverantwortlichen und es ist auch mehr eine Bitte, als ein erhobener Zeigefinger. Wir sollten mehr dazu übergehen, die Menschen, die uns begegnen, entsprechend ihren Fähigkeiten einzusetzen. Vorgefertigte Stellenbeschreibungen sollten uns da keine Grenzen setzen. Mutig ist derjenige, der Aufgabengebiete kreativ auf die Mitarbeiter zuschneidet. Je besser diese Zuordnung, desto wohler fühlt sich der Mitarbeiter am Arbeitsplatz und desto effektiver ist seine Arbeitsleistung. Das bringt für die Mitarbeiter Zufriedenheit und daraus resultierend für die Unternehmen den maximalen Gewinn.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de