Sternzeichen

Sternzeichen
Florentine Färber
Bequem zurücklehnen und anhören.

Ich gebe zu, in das Vorstellungsgespräch mit Florentine Färber gehe ich nicht unvorein­genommen. Während ich bei anderen Einstellungen immer noch die Hintertür habe, dass ich mit dem Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin nicht weiter zusammenarbeiten muss und sich unser Kontakt auf einen administrativen Abgleich, jährlich wiederkehrende Mitarbeiter­gespräche und eventuell aufkommende Fragen oder Konflikte beschränkt, kann ich heute nicht mit Neutralität aufwarten, denn ich suche eine Personalsachbearbeiterin, die mir direkt zuarbeiten soll. Also muss auch die Chemie stimmen. Keine Angst, ich will keine Freundin finden, aber die Basis für eine vertrauensvolle Zusammen­arbeit muss erkennbar sein. Und die lässt sich nur bedingt in schriftlichen Unterlagen finden. Einen umso höheren Stellenwert hat also das persönliche Kennenlernen.

Im Gespräch macht Florentine Färber auf mich zunächst einen guten Eindruck. Ein wenig irritiert bin ich aber von dem Amulett, das sie an der rechten Hand trägt.  Zwischen der Wurzel des Mittelfingers bis zum Handgelenk erstreckt sich eine Art Spirale und nimmt wuchtig den ganzen Handrücken in Beschlag. Nun, wenn sie damit uneingeschränkt arbeiten kann, von mir aus. Aber die klotzige Art des wohl gegossenen Schmuckstücks passt so gar nicht zu dem übrigen Styling, das sich dem klassischen Business-Look zuordnen lässt. Ich vermute, das Amulett hat eine tiefere Bedeutung. Als wir die Smalltalk-Phase verlassen und ins Fachgespräch übergehen, frage ich beherzt: „Was machen Sie denn beruflich besonders gern?“ Frau Färber erläutert mir mit glänzenden Augen, dass sie am liebsten Bewerbungen liest. „Im Prinzip ist die Bewerberauswahl ja ganz einfach. Man gleicht die Sternzeichen gegeneinander ab und Schwupps, hat man den geeigneten Kandidaten!“ flötet sie mir am Ende ihrer Ausführung entgegen. Bis vor wenigen Minuten hätte ich Mühe gehabt, alle zwölf Sternzeichen zu benennen, geschweige denn hätte ich sie in eine richtige zeitliche Abfolge bringen können. Inzwischen weiß ich, dank Frau Färber, dass die Astrologie jedem Sternzeichen eines der vier Elemente Wasser, Erde, Feuer und Luft zuordnet, das den Charakter des betreffenden Tierkreiszeichens besonders prägt. Und dann kommt es immer noch darauf an, unter welchem Aszendenten man geboren wird. Für all diejenigen, die jetzt nur „Bahnhof“ verstehen: der Aszendent ist ein zweites Sternzeichen, das sich aus dem Zeitpunkt und dem Ort der Geburt ableiten lässt.

Mitte der 90er Jahre gab es eine Phase, in der Personalentscheider um die besten Auswahlmethoden regelrecht wetteiferten und da kam auch der Aspekt der Astronomie ins Spiel. Ebenso wie die Möglichkeit, die Graphologie wieder als Entscheidungsmerkmal heranzuziehen. Dabei versucht ein Experte im Wesentlichen aus der Handschrift des Bewerbers dessen Charaktermerkmale zu erkennen. Und wem das noch nicht genügte, der konnte sich mit der Gesichtsanalyse befassen, die prüft, inwieweit das Anforderungsprofil eines Arbeitsplatzes und das Begabungsprofil eines Bewerbers übereinstimmen – also Auswahl per Gesichtskontrolle. Sind Oberlippe, Kinn und Nasenform wirklich entscheidend für den Berufserfolg? Sicher nicht. Aber all diese Bestrebungen zeigen auf, dass uns handfeste Kriterien fehlen, die Sehnsucht nach eben solchen aber groß ist.

Frau Färber ist im doppelten Sinn in ihrem Element und erzählt mir freimütig, dass sie die Welt besser versteht, seit sie sich mit der Astrologie beschäftigt. Beispielsweise habe sie erkannt, dass sie mit ihrem letzten Vorgesetzten bei aller Anstrengung nicht zurechtkommen konnte, da er einem Wasserkreiszeichen angehöre. „Ein Fisch! Schwer zu durchschauen und unberechenbar. Stellen Sie sich das nur vor. Das passt doch nicht zu mir als Löwe. Da ist doch alles klar.“

Mir ist gar nichts mehr klar und ich gehe gedanklich zurück an die Stelle, an der ich noch folgen konnte. Sie liest am liebsten Bewerbungen. Nur zu dumm, dass das gar nicht in ihr Aufgabengebiet fällt. Sie sollte sich mit dem administrativen Teil der Personalarbeit beschäftigen, Lohn- und Gehaltsabrechnungen einpflegen, An- und Abmeldungen vornehmen, Zeit- und Urlaubskonten führen. Ich nehme einen erneuten Anlauf und frage: „Was möchten Sie sonst noch gerne machen?“ Insgeheim hoffe ich, dass Frau Färber mir glaubhaft versichert, dass sie die eben erwähnten Verwaltungsarbeiten liebt und sich schon am Morgen beim Frühstück darauf freut, statistische Auswertungen vorzunehmen und Akten zu pflegen. Stattdessen aber sagt sie: „Die Betreuung der Auszubildenden kann ich mir vorstellen; allerdings habe ich keinen Ausbildereignungsschein. Wie ist das? Brauche ich den überhaupt?“ Ich denke schon. Im Berufsbildungsgesetz ist verankert, dass der Ausbilder fachlich und persönlich geeignet sein muss. An der persönlichen Eignung von Frau Färber zweifle ich gerade, auch wenn der Gesetzgeber nur ein einwandfreies Führungszeugnis einfordert. Ich spreche Frau Färber dann doch noch auf das Amulett an und sie erklärt mir freudig, dass das aus dem Indianischen kommt und sie vor bösen Menschen schützen soll. Und dann bekomme ich wider Erwarten eine kleine freundschaftliche Anwandlung, denn sie schließt die Erläuterung über die Herkunft und den Hintergrund des Amuletts mit dem Satz „Aber das hätte ich ja heute nicht gebraucht; Sie sind ja eine Nette.“ Wunderbar.

Nachdem ich Frau Färber freundlich verabschiedet habe, stehe ich noch eine Weile am offenen Fenster, atme die kühle Luft ein und frage mich, ob an den Verstrickungen der Sternzeichen was dran ist? Als ich das Fenster schließe, lege ich für mich fest, dass ich diesen Spuren nicht weiter folgen werde.

Frau Färber erhielt wenige Tage nach dem Gespräch eine Absage. Ich konnte mir beim besten Willen keine produktive Zusammenarbeit mit ihr vorstellen; dazu war sie mir zu sehr in der Weisheit einer Pseudowissenschaft verortet. Oder einfacher ausgedrückt: sie war mir zu unheimlich. Und irgendwann, spätestens an meinem Geburtstag im nächsten Februar, wäre sie dahintergekommen, dass ich im Sternzeichen des Fisch geboren bin. Wahrscheinlich hätte sie sich dann ohnehin auf die Suche nach einer neuen Stelle gemacht.

Der Tipp: Mit der Frage „Was machen Sie beruflich besonders gern?“ wollen Personal­verantwortliche abgleichen, ob der Bewerber das für ihn vorgesehene Aufgabengebiet verlässlich abdecken kann. Nimmt der Bewerber die Frage wörtlich und antwortet entsprechend seinen tatsächlichen Vorlieben, so sprechen wir von „Cherry Picking“. Der Begriff stammt tatsächlich aus der Kirschernte, bei der vom Pflücker verlangt wird, dass er nur die schönsten und reifsten Früchte aberntet. Für sich nur die angenehmsten Aufgaben zu beanspruchen, heißt aber für den Personalverantwortlichen, dass die weniger geliebten Aufgaben liegenbleiben. Bei sorgfältiger Abwägung kann es dazu führen, dass man den Bewerber als ungeeignet einstuft, weil man befürchten muss, dass er das Aufgabengebiet nicht vollständig erfüllen wird. Nach der Aufzählung der bevorzugten Tätigkeiten empfiehlt sich daher der Nachsatz „ .. und alle anderen Aufgaben erledige ich freilich auch.“

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de