Vamp im Schafspelz

Vamp im Schafspelz
Yolanda Weishaupt
Bequem zurücklehnen und anhören.

Natürlich heißt es richtig „der Wolf im Schafspelz“. Diese Redewendung geht auf einen Ausspruch im Neuen Testament (Matthäus 7, 15) zurück.  Sie wird sinnbildlich für jemanden gebraucht, der schadenbringende Absichten durch ein harmloses Auftreten zu tarnen versucht. Aber spätestens seit der Begegnung mit Yolanda Weishaupt weiß ich, dass sich noch ganz andere Absichten in einem Schafspelz verbergen lassen.

Es gibt wenige Stellen, bei denen Persönlichkeitsmerkmale wichtiger sind, als fundierte Berufsausbildungen und wohlklingende Arbeitszeugnisse ehemaliger Arbeitgeber. Und eben eine solche Stelle soll ich heute besetzen. Die Stelle einer Marketingassistentin im weitesten Sinne. Und ja, es soll eine Frau sein, denn der Betriebsrat sitzt mir mit der firmenintern angestrebten Frauenquote im Nacken, die in dieser Abteilung weit hinter den Vorgaben hinterherhinkt. Die Bestrebung, Stellen paritätisch nach den Geschlechtern zu besetzen, halte ich für unzulänglich. Und das sage ich ohne rot zu werden, gerade weil ich eine Frau bin. Führt nicht grundsätzlich die Bevorzugung eines Geschlechts zur Benachteiligung des anderen? Sollen wir das so lange durchziehen, bis Männer in der Berufswelt in der Unterzahl sind und dann eine Männerquote einführen? So richtig zu Ende gedacht scheint mir die Bewegung nicht. Mir wäre es am liebsten, nach Können, Leistung, Erfahrung oder sonst einem neutralen Merkmal einzustellen. Aber hier und heute steht so eine grundsätzliche Überlegung nicht zur Diskussion. Mir sind da ein wenig die Hände gebunden.

Gut, dass sich Yolanda Weishaupt beworben hat. Sie hat schon im Marketing gearbeitet, die beschriebenen Aufgabengebiete in den Arbeitszeugnissen lesen sich gut und sie ist eine natürlich wirkende, schöne Frau. Wenn sie Make-up trägt, dann so dezent, dass es kaum auffällt. Ob der dunkle Fleck seitlich an der linken Oberlippe ein von der Natur launisch angebrachter Leberfleck ist, oder ob sie da ein bisschen nachgeholfen hat, kann ich nicht erkennen. Immerhin gilt dieser Hauch von Makel spätestens seit der Vermarktung durch Marilyn Monroe als sexy und nachahmungswürdig. Abgesehen von diesem Detail ist Frau Weishaupt optisch repräsentativ. Das steht so selbstverständlich nicht als Mindest­anforderung in der Stellenbeschreibung, aber wer zukünftig unsere VIP-Kunden auf Großveranstaltungen betreuen soll, der kann mit einem schönen Äußeren auf jeden Fall punkten. Und Frau Weishaupt ist Single. Auch das ist von Vorteil, denn feste Arbeitszeiten und freie Wochenenden kann ich ihr nicht zusichern. Da ist es gut, wenn sie ungebunden ist. Was ich jetzt noch brauche, ist ein Pluspunkt in Kommunikation. Also beginne ich unser Gespräch mit der, bei Bewerbern sehr unbeliebten, Aufforderung: „Erzählen Sie doch mal was über sich!“. Eigentlich ist es völlig egal, wie Frau Weishaupt mit der Frage umgeht. Ob sie beispielsweise bei ihren bisherigen Beschäftigungen aufsetzt oder auch kritisch zurückfragt, worauf die Frage abzielt, um das Fenster entsprechend einzugrenzen und gleichzeitig Zeit zu schindern. Wie sie rangeht, ist typabhängig. Nur eines ist kontra­produktiv: sie darf auf diese Frage keine Anzeichen von Überforderung zeigen. Und das macht sie dann auch nicht. Frau Weishaupt funkelt mich mit ihren smaragdgrünen Augen an. Das signalisiert mir, dass sie diese Frage bereits kennt. Bevor sie antwortet, zieht sie die Augen zu Schlitzen zusammen und es wird gefühlt zwei Grad kälter im Raum. Und dann legt sie los: „Als ich gestern meine Beinhaare entfernt habe und mir nebenbei die Fingernägel lackierte, habe ich ferngesehen und da ist mir der Gedanke gekommen, ich sollte mir einen neuen Sportwagen zulegen.“ Demonstrativ schaut sie auf ihre makellos lackierten Fingernägel und blickt dann, auf eine Reaktion wartend, in meine Richtung. Oh, da hat aber jemand das Kriegsbeil ausgegraben. Mit der Antwort kann ich ja überhaupt nichts anfangen. Aber das war sicherlich auch so beabsichtigt. Na dann kann ich ebenfalls den Schongang rausnehmen und die Stärken- / Schwächen-Frage ziehen. Diese Kombination habe ich eigentlich schon lange aus meinem Repertoire gestrichen. Ich habe in der Vergangenheit zu viele Antworten bekommen, die zu nichts führten. Angefangen von „Ich habe keine Schwächen“, über die verschärfte Form „Ich habe keine Schwächen, die Sie etwas angehen“, bis hin zu meinem persönlichen Highlight „Ich kann nicht kochen“, war alles dabei gewesen. Bei eben der letzten Kandidatin, die die Frage wahrscheinlich nur witzig parieren wollte, habe ich mich ernsthaft gefragt, was dahinterstecken könnte, dass sie vorgibt, nicht kochen zu können. Kann sie keine Rezepte lesen? Das würde sich dann schon irgendwie negativ auf die Arbeit auswirken. Frau Weishaupt sichert sich mit der Antwort „Immer, wenn ich Geld habe, kaufe ich mir neue Schuhe!“, dann aber auch einen Platz unter den Top Ten der dümmsten Antworten. Nicht verwertbar – aber auch nur bedingt komisch.

Was auf die Frage nach möglichen Schwächen folgt, ist zwingend die Frage nach den Stärken des Bewerbers. Augen zu und durch, denn viel schlimmer kann es ja nicht mehr kommen. Aber ich werde eines Besseren belehrt, denn schlimmer geht immer. Ich quittiere die Aussage mit einem gespielt gequältem Lächeln und sage ganz ruhig und mit einer Prise Sarkasmus: „Nennen Sie mir doch eine Ihrer Stärken, vielleicht bringt uns das ja weiter?!“ Frau Weishaupt lässt sich lasziv in den Sessel zurückfallen, schlägt demonstrativ ein Bein über das andere und sagt: „Ich kann jeden Mann jederzeit um den Finger wickeln.“ Ich bekomme eine Gänsehaut an den Armen, denn ihre Mimik lässt mich eindeutig erkennen, dass sie das ernst meint. Kein Spaß. Frau Weishaupt dreht zur Untermauerung ihres provokanten Statements an einem der schmalen Ringe, die sie an den schlanken Fingern trägt. An manchen Fingern sind bis zu vier Ringe; es müssten also deutlich über 20 Ringe sein. Und in mir keimt der Verdacht, dass das ihre Trophäen sind.

Frauenquote hin oder her. Ein junger Mann bekommt kurze Zeit später die Stelle. Ich konnte und wollte einfach nicht riskieren, dass Frau Weishaupt ihre Stärken in dieser Abteilung umsetzt, denn auch mein Mann arbeitet dort.

Der Tipp: Die Stärken-/ Schwächen-Frage dient eigentlich der Selbsteinschätzung des Bewerbers.  Er ist gut beraten, wenn er eine Stärke benennen kann, die für die angestrebte Position von Nutzen ist. Umgekehrt sollte er eine Schwäche aufzeigen können, die im besten Fall gar keine oder zumindest nur eine geringe Auswirkung auf die spätere Arbeit hat. Das sagt sich so leicht. Für den Gefragten ist die Frage zunächst nervig und sie kann sehr schnell heimtückisch werden, wenn man versucht, möglichst humorvoll darauf zu antworten. Niemals sollte ein Bewerber die Beantwortung in den privaten Bereich verlegen. Auch wenn wir immer um Freundlichkeit bemüht sind, gerne mit Bewerbern lachen und mit ihnen auch Randthemen ansprechen, so ist es doch ein ernstes Arbeitsgespräch, im dem Schlaf­störungen („Ich bin ein Morgenmuffel.“), Essensgewohn­heiten („Ich sterbe für einen Riegel Schokolade.“) und Beziehungsangelegenheiten („Da fragen Sie am besten meinen Mann.“) keinen Platz haben.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de