Verantwortung

Verantwortung
Leonhard Laiser
Bequem zurücklehnen und anhören.

Wir haben auf unsere Stellenausschreibung einige Zuschriften bekommen, aber nur sehr wenige haben den Sprung in die zweite Runde geschafft. Woran das liegt? Das kann ich gerne erklären, denn dazu sollte man wissen, wie Personalentscheider bei der Besetzung einer Stelle Schritt für Schritt vorgehen. Zunächst erstellen wir ein Anforderungsprofil für den zukünftigen Stelleninhaber. Dabei übertragen wir die Anforderungen, die die Stelle mit sich bringt auf die Eigenschaften eines potenziellen Bewerbers. Möchte ich eine Stelle im Rechnungswesen besetzen, sollte der Bewerber mindestens Kenntnisse im Rechnungswesen haben, aber auch die entsprechend eingesetzte Anwendersoftware beherrschen. Das heißt, man bastelt sich einen Wunschkandidaten und gibt ihm all die Skills, die er im Idealfall mitbringen soll. Wir unterscheiden dabei zwischen Muss-Anforderungen und Kann-Anforderungen. Muss -Anforderungen muss der Bewerber abdecken können; das impliziert allein schon der Begriff. Das machen wir auch unmissverständlich deutlich, indem wir schreiben, „Sie verfügen über …“ oder „Sie sollten … mitbringen“. Lässiger hingegen gehen wir über Kann-Anforderungen hinweg. Diese sind einfach nice-to-have, aber nicht zwingend erforderlich, weil sie nicht zu den Kernaufgaben gehören oder im weiteren Verlauf des Beschäftigungsverhältnisses noch erworben werden können. Mit Fremdsprachen¬kenntnissen ist das oftmals so. In vielen Bereichen braucht man sie nicht zwingend, aber es wäre doch schön, wenn wir im Falle des Falles auf einen Mitarbeiter zugreifen könnten, der verhandlungssicher Englisch spricht. Das kennzeichnen wir dann mit Halbsätzen wie „Englischkenntnisse sind von Vorteil“, oder „Idealerweise verfügen Sie über Fremdsprachenkenntnisse“. Tja und grundsätzlich hätten wir gerne Mitarbeiter, die teamfähig, kollegial, konstruktiv usw. sind. Darüber hinaus sollten sie jung und dynamisch sein, gleichzeitig aber über viel Berufserfahrung verfügen, nie krank werden und nie nach einer Lohnerhöhung fragen. Mit ein bisschen Selbstironie sprechen wir von der eierlegenden Wollmilchsau. Dass wir den Idealbewerber nicht finden, ist schon klar, aber bei einer Übereinstimmung der Daten im Lebenslauf mit unseren Muss-Anforderungen ab 70 % bleibt man im Rennen um den Job. Daher sind Bewerber gut beraten, wenn sie sich nur dann bewerben, wenn sie die Muss-Anforderungen erfüllen und im besten Fall ein Tüpfelchen draufsetzen können.

Wenn ich nun ausdrücklich formuliere, dass wir für eine leitende Position einen Mitarbeiter suchen, der schon Führungsverantwortung übernehmen konnte und diese mindestens fünf Jahre erfolgreich unter Beweis stellen durfte, dann schwingt damit einher, dass der Bewerber älter als 21 Jahre sein muss. Altersunter- oder Obergrenzen in ein Stellenangebot zu schreiben, ist nach den Vorgaben des AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz) nicht die beste Idee, wenn man Ärger vermeiden möchte. Also packt man das gewünschte Alter des Bewerbers eben verdeckt zwischen die Zeilen. Der aufmerksame Bewerber erkennt den Wink mit dem Zaunpfahl und bewirbt sich nur dann, wenn seine Bewerbung auch Aussicht auf Erfolg hat. Und wenn es um die Leitung der Abteilung Rechnungswesen und Controlling geht, dann reicht es nicht aus, wenn man Unteroffizier bei der Bundeswehr ist.

Immerhin gab es auch Treffer; beispielsweise Leonhard Laiser. Er hat eine kaufmännische Ausbildung, Berufserfahrung, ein Zusatzstudium und hat als letzte Arbeitsstelle die Niederlassung einer Krankenkasse geleitet. Ihm traue ich zu, unsere Abteilung zu führen. Es wäre mein dritter Versuch in zwei Jahren, die Stelle dauerhaft zu besetzen. Was in die Abteilung endlich Ruhe bringen würde, wäre bildlich gesprochen ein echter Gockel. Das passt sogar, denn es arbeiten dort acht Hühner. Nichts gegen die Damen, die dort versuchen, einen guten Job zu machen. Aber vor lauter Hauen und Stechen kommen sie einfach nicht dazu. Mein Vorgänger hat hier bei der Stellenbesetzung zweifelsfrei sein Idealbild von Mitarbeiterinnen eingesetzt, denn alle sind unter 28 Jahre alt, ledig, beeindruckend gutaussehend und blond. Ein gefundenes Fressen für Model-Mama Heidi Klum; und nicht nur für sie! Hier eine leitende Position zu besetzen ist nicht leicht. Roman R. mein letzter Versuch, hat die Konkurrenz unter den Damen nur noch angeheizt. Die Röcke wurden kürzer, die Produktivität sank und die Beschwerden über die lieben Kolleginnen nahmen zu. Das ist bei meinem heutigen Kandidaten, Herrn Laiser, eher nicht zu erwarten. Er ist verheiratet und sichtbar im gesetzten Alter. Auf mich wirkt er sogar älter, als die im Lebenslauf ausgewiesenen 52 Jahre. Entgegen herrschender Meinung ist das für uns Personalverantwortliche längst kein abschreckendes Alter, denn der Bewerber wird noch mindestens 15 Jahre arbeiten; vorausgesetzt, das gesetzliche Rententeintrittsalter wird vom Gesetzgeber nicht weiter nach oben oder unten verschoben. Herr Laiser kam mit Anzug und Krawatte, sauber rasiert und frisiert und ist das fleischgewordene Bild eines Spießers. Vielleicht war das ja nicht immer so, aber ich kann mir vorstellen, dass er in einem Reihenmittelhaus wohnt, pünktlich mit seiner Frau zu Abend isst, um danach die Nachrichten im Fernsehen zu sehen. Und sonntags schaut er den „Tatort“ auf ARD. Seinen Urlaub verbringt er genau dort, wo er jedes Jahr hinfährt; ich tippe mal auf einen Gasthof in Österreich. Und er bucht immer schon ein Jahr im Voraus. Sein Leben besteht aus to-do-Listen. Er ist ein Kontroll-Freak und ich kann mir nicht vorstellen, dass er schon mal eine Vorsorgeuntersuchung oder den Geburtstag eines Familienangehörigen verpasst hat. Aber das ist alles reine Spekulation.

Das Gespräch mit Herrn Laiser läuft sachlich und in geordneten Bahnen. Ich frage höflich und präzise – er antwortet ebenso höflich und präzise. Keine Abweichung. Ab und zu ein aufgesetztes Lächeln. Sonst kaum Emotionen.

Als ich die zu besetzende Stelle noch einmal in ihren wesentlichen Punkten anspreche, wird Herr Laiser unruhig. Er nestelt erst am Zipfel seiner Krawatte und dann an seinem Ehering herum, dann kaut er mit sorgenvoller Miene auf seiner Unterlippe. Als ich abschließe mit den Worten: „Das können Sie sich doch vorstellen?“, sagt er zu meinem großen Erstaunen: „Nein.“ Ich schaue ihn an und sage gar nichts. Das ist ein gut funktionierendes Mittel, um den Gesprächspartner aus der Reserve zu locken, denn Stille auszuhalten, fällt den meisten Menschen sehr schwer. So ergeht es auch Herrn Laiser und er erzählt, dass er immer alles im Griff hatte. Hätte mich auch gewundert, wenn nicht. Dann aber, vor ziemlich genau acht Monaten, hat er einen großen Fehler gemacht. Um, wie es sein Arbeitgeber von ihm verlangte, das letzte bisschen Motivation aus den Mitarbeitern herauszuholen, hat er einen jungen Mann sehr unter Druck gesetzt. Dieser hielt nicht Stand und nahm sich zwei Tage vor Weihnachten das Leben. Auch wenn im Abschiedsbrief an die Eltern rein gar nichts von beruflicher Belastung stand, fühlt sich Herr Laiser bis heute mit verantwortlich für den Freitod des Mannes. Und das ist auch das Stichwort, mit dem er seine Ausführung beendet. „Deshalb möchte ich zwar einen guten Job machen und all mein Wissen hier einbringen – aber Verantwortung kann und werde ich nicht mehr übernehmen. Das müssen Sie verstehen, Frau Schumann.“

Muss Ich? Ich habe am ganzen Körper Gänsehaut. Mir gehen viele Gedanken durch den Kopf; vor allem frage ich mich, ob es mir ebenso erginge? Kann man nachts ruhig schlafen, wenn man glaubt, für den Tod eines Menschen mit verantwortlich zu sein?

Um Zeit zu schinden, greife ich zu meiner Kaffeetasse und nehme einen großen Schluck. Auch wenn der Kaffee längst kalt ist – er tut doch gut in diesem Moment. Ja, ich habe Verständnis für Herrn Laiser und seine Gewissensbisse und das sage ich ihm auch genau so.

Wenig später verabschieden wir uns. Herr Laiser bedankt sich für das überaus positive Gespräch, wie er es ausdrückt und ich erwidere, dass ich mich ebenfalls gefreut habe, ihn kennenzulernen. Als er schon in der Tür steht, platzt es dann aber doch aus mir heraus: „Eine Frage noch: Wohnen Sie in einem Reihenmittelhaus?“ Damit habe ich ihn völlig aus der Fassung gebracht. Ich sehe, dass er die Frage nicht einordnen kann. Mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn sagt er knapp: „Ja. Aber worauf zielt Ihre Frage?“ „Ach, nur so.“, lasse ich ihn im Dunkeln. Aber ein Lächeln huscht mir dann doch übers Gesicht, denn ich habe wieder einmal die Wette mit mir selbst gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!

Die Stelle hat Herr Laiser übrigens nicht bekommen. Schade, aber in dieser Abteilung muss man Verantwortung übernehmen. Sonst machen die wilden Hühner Hackfleisch aus ihrem Vorgesetzten.

Tipp: In einer leitenden Funktion muss man immer Verantwortung übernehmen. Auch dann, wenn es nicht explizit in der Stellenausschreibung steht. Wer – aus welchen Gründen auch immer – keine Verantwortung übernehmen möchte, die über die Tragweite der eigenen Leistung hinausgeht, der muss ehrlich zu sich sein und von einer Bewerbung Abstand nehmen. Für Herrn Laiser wird es daher schwierig werden, eine Stelle zu finden, die ihn fordert und gleichzeitig nicht überfordert.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

2 Kommentare zu „Verantwortung

  1. Herrlich Sabine, Glückwunsch zum Reihenhaustipp!
    Danke für die Geschichte, heute gelesen und gehört.