Vitamin B

Vitamin B
Richard Mertens
Bequem zurücklehnen und anhören

Heute soll ich Richard Mertens einstellen. Völlig alternativlos. Die Stelle wurde nicht ausgeschrieben, es gibt keinen weiteren Kandidaten. Seine Unterlagen hat mir mein Vorgesetzter mit den Worten: „Ein ausgezeichneter Mann, Sie werden schon sehen!“ auf den Schreibtisch gelegt. Eine Antwort hat er gar nicht abgewartet.

Und nun sitzt Herr Mertens mir gegenüber. Er trägt einen maßgeschneiderten Anzug und eine teure Krawatte. Auch die Armbanduhr wird er bei einem exklusiven Juwelier erstanden haben. Herr Mertens hat zweifelsohne Außenwirkung und die wirkt auf mich drückend. Immerhin ist er älter, als ich und er wird auch deutlich mehr verdienen, wenn wir ihn als Bereichsleiter einsetzen. Ich stelle mich als Personalreferentin vor und Herr Mertens fragt prompt, warum mein Chef ihn nicht ins Gespräch bittet. Was soll ich sagen? Den Personalleiter der Niederlassung eines Konzerns mit immerhin fast 2.200 Mitarbeitern hier am Standort treffen Sie montags bis donnerstags mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Golfplatz an? Nein. Ich trage mit Stolz das Firmenlogo auf dem Kragen meiner Bluse und halte die Fahne hoch. Also kläre ich auf, dass die Bewerbung von Herrn Mertens in meinen Betreuungsbereich fällt. Stimmt auch. Ich betreue alle Mitarbeiter, deren Nachnamen mit den Buchstaben Le-Na beginnen. In weiser Voraussicht hat mein Chef mir Herrn Mertens gleich mal zugewiesen; aber noch ist er Bewerber. Was hingegen nicht stimmt ist die Chemie zwischen uns beiden. Die teure Kleidung und das stechend-süßlich riechende Parfüm wirken abstoßend auf mich. Darüber könnte ich hinwegsehen, aber die Überheblichkeit, die in Gestik, Mimik und den knappen, aber dennoch abfälligen Eingangssätzen mitschwingt, die lässt mich auf Konfrontation schalten. Ja, wir Personaler achten sehr auf die Mimik, verrät sie uns doch viel über den Bewerber. Und mit etwas Übung und feinen Antennen können wir sogar erkennen, wenn wir angelogen werden. Ich folge meiner Ersteinschätzung meines Gesprächspartners und bleibe wachsam. Als ich Herrn Mertens Kaffee anbiete, ordert er mit einem Befehlston, der keinen Widerspruch duldet: „Doppelter Espresso – stark, schwarz!“. Das obligatorische „bitte“ lässt er weg und ersetzt es durch eine Handbewegung, die ausdrückt: aber ein bisschen zackig! Dann betrachtet er gelangweilt seine vorbildlich manikürten Fingernägel. Deutlicher kann er gar nicht aufzeigen, dass er an einem Gespräch mit mir nicht interessiert ist. Eigentlich steht er auf sehr dünnem Eis, denn in dieser Phase der Anbahnung eines Arbeitsverhältnisses kann noch sehr viel schiefgehen. Mit seiner unbeschreiblichen Überheblichkeit schafft er es aber, dass ich mir klein vorkomme. Ich wünsche mir, dass ich ein paar Berufsjahre mehr hätte, dann würde ich ihm Paroli bieten. Vielleicht würde ich ihn gedanklich in Stücke reißen oder Hackfleisch aus ihm machen?

Als auch ich seine Hände anschaue, finde ich eine verwundbare Stelle. An seinem rechten Ringfinger ist ein heller Kreis sichtbar, aber ein Ring fehlt. Ich frage frech: „Tragen Sie für gewöhnlich einen Ehering?“ Krawumm! Er räuspert sich, schluckt und hat dann zu meinem großen Erstaunen auch hierfür eine Antwort parat, die an Arroganz kaum zu übertreffen ist: „Ein Mann in meiner Position und meines Alters ist attraktiver, wenn er nicht aufzeigt, dass er einen Klotz am Bein hat.“ Dabei grinst er vielversprechend und zwinkert mir zu. Mir bleibt die Luft weg. Statt die Zügel in der Hand zu halten, dem roten Faden der Gesprächsführung zu folgen, die Oberhand zu behalten, schlingere ich in Serpentinen durch das Frage-Antwort-Spiel, was Herrn Mertens sichtlich amüsiert. Bis ich frage: „Herr Mertens, stellen Sie sich mal vor, zwei ihrer Mitarbeiter kommen miteinander nicht klar. Einer der beiden beschwert sich bei Ihnen, als dem gemeinsamen Vorgesetzten, über den Kollegen. Wie gehen Sie den Konflikt an?“ Er schaltet um auf ernst, seine Mimik verfinstert sich und er sagt knapp: „Dann schmeiße ich beide in hohem Bogen raus!“ Ich schaue ihm tief in die Augen, um mich abzusichern, dass er es ernst meint. Dann muss ich erkennen: er meint es tatsächlich ernst. Das entspricht leider so gar nicht unserer Firmenphilosophie und ist eigentlich für eine Führungskraft ein No-Go. Konfliktmanagement ist bei all unseren Führungskräfteschulungen ein fester Bestandteil. Wir haben fest verortete Anlaufstellen und festgeschriebene Mechanismen, zudem eine gute Kommunikation mit dem Betriebsrat, denn zumindest hier zeihen wir am gleichen Strang. Und wir benutzen eine bessere Wortwahl, wenn wir aufzeigen wollen, dass ein Mitarbeiter außerhalb des Konzerns besser aufgehoben ist. Wenige Sätze später hängt das Fallbeil über Herrn Mertens, als ich mit gespielter Gleichgültigkeit und einem tiefen Seufzer frage: „Alles schön und gut, aber warum sollten wir gerade Sie einstellen?“ Das „Sie“ im Satz sage ich ganz bewusst gedehnter und etwas lauter als den Rest. Mein Professor wäre sicherlich stolz auf mich, denn die Betonung dieses wichtigen Satzes haben wir im Studium einen ganzen Nachmittag lang geübt. Es kommt nämlich darauf an, den Bewerber an dieser Stelle aus der Reserve zu locken. Aber ich habe die Rechnung ohne Herrn Mertens gemacht. Er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und entgegnet trocken: „Aber Frau Schumann, das müssen Sie doch wissen. Sie sind doch schließlich der Personaler!“ Und wenn ich es nicht weiß?

Obwohl ich nach dem Gespräch eine zweiseitige Abhandlung mit Begründungen schreibe, warum wir von einer Rekrutierung Abstand nehmen sollten, beharrt mein Chef auf der Einstellung dieses Mannes. Er fragt kurz nach der vereinbarten Vergütung und beschließt: „Ach legen Sie noch eine Schippe drauf. Ich will ja nicht, dass er gleich wieder abgeworben wird.“

Nur wenige Wochen später habe ich mehrere Beschwerden der Mitarbeiterinnen von Herrn Mertens auf dem Tisch. Seine Sekretärin berichtet unter Tränen, dass der Ton nicht stimmt und er bisweilen sogar Kraftausdrücke in seine Schimpftriaden einfließen lässt. Eine andere Mitarbeiterin hat am Morgen schon Bauchschmerzen, wenn sie zur Arbeit fährt. Ich will mir eine weitere Meinung einholen und spreche mit dem Assistenten von Herrn Mertens. Auch er bringt eine große Portion Frust mit ins Gespräch und berichtet mir, dass der feine Herr Mertens ohnehin die meiste Zeit auf dem Golfplatz anzutreffen ist. Und plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen.

Der Tipp: Die Frage: „Und warum sollten wir gerade Sie einstellen?“, die auf den ersten Blick so harmlos erscheint, ist tatsächlich brandgefährlich, denn sie ist eine der wenigen k.o.-Fragen. Kann ein Bewerber hierauf nicht antworten, sind wir geneigt, von einer Einstellung Abstand zu nehmen. Dabei ist es so einfach. Wenn ein Bewerber nach all den Details, die wir bis zu dieser Frage durchgesprochen haben, für sich entscheidet, dass er sich eine Mitarbeit vorstellen kann, dann braucht er nur mit „Weil…“ antworten. „Weil ich denke, dass ich hier einen guten Job machen kann.“ oder „Weil ich mir eine Mitarbeit vorstellen kann.“ Und schon ist die Kuh vom Eis.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

1 Kommentar zu „Vitamin B

  1. Hallo Sabine, danke für deine Montagsnachrichten. 🙂
    Ich wünsche dir weiterhin ein gute Sommerzeit. Lieber Gruß aus Lomersheim