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Amelie Jablonski
Bequem zurücklehnen und anhören.

Heute habe ich mal mustergültige Bewerbungsunterlagen vor mir auf dem Tisch liegen. Die haben wirklich ein Lob verdient. Die Bewerbungsmappe ist dezent in dunkelblau gehalten und exakt dieses Blau spiegelt sich in den Kopfzeilen der einzelnen Seiten wieder. Und alles passt freilich farblich zum Bild. Das Bild ist ausgesprochen ansprechend und zeigt eine junge Frau mit langem, offenem Haar, das sie auf der rechten Seite hinter das Ohr geklemmt hat, was ihr Gesicht sehr betont. Das zeugt davon, dass ein Profi die Dame ins rechte Licht gerückt hat. Sie trägt ein feines Make-up, eine schlichte Halskette und über der hellen Bluse einen blauen Blazer. Freundlich lächelt sie vom Deckblatt den Betrachter, also in diesem Fall mich, an. Auf dem Deckblatt sind außer dem Bild nur noch die Kontaktdaten der Bewerberin platziert. Auf so unsinnige Phrasen wie „Bewerbung bei Firma Sowieso“ hat sie dankenswerter Weise verzichtet. Überhaupt ist die Bewerbung sehr strukturiert. Der Lebenslauf ist lückenlos und übersichtlich. Die Bewerberin hat die Konfession, die Nationalität und die Hobbys weggelassen. Sie hat auch darauf verzichtet, Eltern und Geschwister oder deren Alter und Beruf zu erwähnen. Völlig richtig, denn diese Angaben brauchen wir nur, wenn ein Schüler sich um eine Ausbildungsstelle bewirbt. Da möchte man das soziale Umfeld etwas ausleuchten. Später liegt der Fokus auf der eigenen Leistung, sprich der Ausbildung und der Berufserfahrung. Der Lebenslauf setzt mit dem höchsten Schulabschluss auf, was bedingt, dass irgendwann auch eine Grundschule besucht wurde. Auch wenn es so logisch ist, schreiben viele Bewerber die Grundschule tatsächlich mit auf. Warum nicht gleich den Kindergarten? Das wäre wirklich mal spannend. Ob jemand nämlich einen Kindergarten besucht hat, ist nicht unerheblich, denn daraus kann man ableiten, wann die Sozialisierung und Abnabelung von den Eltern erfolgte. Und daraus kann man Rückschlüsse ziehen, ob jemand sich zur Arbeit in Gruppen eignet, oder eben nicht. Auch interessant wäre, ob es ein kirchlicher oder städtischer Kindergarten war. Aber das nur so am Rande. Der Lebenslauf ist chronologisch aufgebaut und das aktuelle Beschäftigungs­verhältnis steht ganz oben. Auch diese Anordnung ist sehr lesefreundlich. Ich bin auch dankbar, dass sich der Anhang nicht über 20 und mehr Seiten erstreckt, sondern dass exakt die Unterlagen beigefügt sind, die im Lebenslauf erwähnt werden. Das Schulzeugnis, das Ausbildungszeugnis, zwei Zeugnisse der bisherigen Arbeitgeber. Vom aktuellen Beschäftigungsverhältnis gibt es freilich noch kein Zeugnis. Das erwarte ich auch nicht. Auch das Anschreiben liest sich gut. Die Verfasserin der Bewerbung weiß offenbar, dass wir immer zunächst den Lebenslauf lesen und hat darauf verzichtet, in den wenigen Zeilen des Anschreibens ihre berufliche Laufbahn noch einmal zu skizzieren. Vielmehr schreibt sie, weshalb sie auf der Suche nach einer neuen Stelle ist, warum sie sich bei uns bewirbt und weshalb wir sie einstellen sollten.  Die Bewerbung ist sorgsam erarbeitet und fehlerfrei erstellt. „Sich bewerben“ heißt ja auch „Werbung in eigener Sache machen“. Und diesem Grundsatz ist hier jemand nachgekommen. Dass aber die Werbung nicht immer hält, was sie verspricht, muss ich im Gespräch mit Amelie Jablonski feststellen.

Als Frau Jablonski ins Besprechungszimmer kommt, muss ich gleich mal Abstriche machen. Sie hat die Haare gewaschen, aber nicht gestylt, trägt kein Make-up, dafür glänzt eine fahle, weiße Haut in ihrem Gesicht. Obwohl eine große, dickrandige Brille einen großen Teil ihres Gesichtes verdeckt, kann ich tiefe Augenränder erkennen. Das lässt sie insgesamt noch trister, fast traurig wirken. Zudem ist sie komplett schwarz gekleidet, was sie noch bleicher erscheinen lässt. Jetzt ist Fingerspitzengefühl gefragt, denn die durchweg schwarze Kleidung kann Trauer symbolisieren, eine Modererscheinung sein oder eine Haltung zum Ausdruck bringen. Als klar wird, dass sie sich grundsätzlich in schwarz kleidet, verweise ich auf das, dazu im Widerspruch stehende, Bewerberfoto und sie räumt ein, dass sie sich die Kleidung von einer Freundin ausgeliehen hat. Deren Idee waren auch die gelockten Haare und das schöne Make-Up. Und das wiederum geht auf den Tipp eines Bewerbungstrainers zurück. Zumindest weiß ich nun, woran ich bin. Mal schauen, was von den restlichen Versprechen übrigbleibt.

„Frau Jablonski, Sie schreiben, dass sie teamfähig, flexibel und loyal sind. Können Sie mir das bitte erläutern?“ Statt einer Erläuterung wiegelt Frau Jablonski ab und sagt: „Ach, ich dachte, das schreibt man so?“ Also, dann gehen wir eben Schritt für Schritt an die Sache heran. „Wie stellen Sie sich erfolgreiche Teamarbeit vor?“, will ich wissen. Nach kurzer Überlegung sagt sie: „Nun, man beackert eine Aufgabe nicht alleine, sondern es sind immer andere da, auf die man sich verlassen kann.“ Gut. Vielleicht hätte der Bewerbungstrainer auf diese Phrase mehr eingehen sollen. Auf mein Nachfragen bezüglich der angegebenen Flexibilität stellt sich heraus, dass sie weder zeitlich noch örtlich in irgendeiner Weise flexibel ist. Bleibt die Loyalität. Die Frage „Warum haben Sie sich denn gerade bei uns beworben?“ ist meinerseits mit einer großen Erwartungshaltung verbunden. Ich vermute, dass jetzt irgendeine Bauchstreichelei kommt. Vielleicht zielt sie auf unsere guten Produkte ab, oder sie bringt unseren guten Ruf ins Spiel, oder sie folgt dem guten Tipp einer Bekannten. Stattdessen sagt sie knapp aber grundehrlich: „Hab´ ich gar nicht. Ich hab ´ne Menge Bewerbungen rausgehauen.“ Das war´s dann mit der Idee der zielgerichteten Bewerbung. Meine Vorstellung, dass sich hinter dieser Vorzeige-Bewerbung eine Vorzeige-Mitarbeiterin verbirgt, kann ich an diesem Punkt des Gesprächs bereits abhaken. Weniger interessiert, als vielmehr der Vollständigkeit halber frage ich: „Was wollen Sie bei uns verdienen?“, und bekomme prompt die Antwort: „Mehr als in meiner jetzigen Stelle.“ Ich hake nach: „Was verdienen Sie denn in ihrer jetzigen Stelle?“ und Frau Jablonski kontert: „Das dürfen Sie mich gar nicht fragen!“ Dann sind wir jetzt wohl in einer Sackgasse, was das Gespräch angeht. Tatsächlich gibt es sie, die sogenannten verbotenen Fragen. Arbeitsrechtlich bevorzugen wir den Begriff brisante Fragen. Das sind eben die Schnittstellen, an denen das Informationsbedürfnis der Arbeitgeber möglicherweise zu weit geht und damit den Schutz der Privatsphäre des Bewerbers unterwandert. Das Bundesarbeitsgericht hat bereits in den 80er Jahren diese Fragen erörtert und festgelegt, dass Fragen, die private Zukunft der Bewerber betreffend hierzu zählen. Und das Gericht geht noch einen Schritt weiter und erlaubt ausdrücklich, dass Bewerber lügen dürfen, wenn ihnen unrechtmäßig eine solche brisante Frage gestellt wird. So richtig glücklich ist diese Bewilligung nicht, denn wir Personaler sehen recht gut, wenn wir angelogen werden. Wenn ein Bewerber bereits in der Anbahnung eines Arbeitsverhältnisses Vertrauen verspielt, wird es wohl kaum zum Vertragsschluss kommen. Eine Zwickmühle.

Die Frage nach dem aktuellen Gehalt gehört übrigens nicht zum Pool der brisanten Fragen. Die hätte Frau Jablonski einfach wahrheitsgemäß beantworten können. Kurz mal kühl nachgedacht; wie soll ich mit ihr in puncto Gehaltsfindung weiterkommen, wenn sie mir nicht sagt, was sie verdienen möchte? Manchmal hilft erst denken, dann antworten.

Eine Chance bekommt sie noch. Ich hole weit aus und sage: „So, Frau Jablonski, jetzt mal Tacheles (für alle Norddeutschen: Klartext). Weg von all dem, was sie an sozial erwünschten Antworten auf vorgefertigte Fragen bisher gelernt haben: Warum sollte ich Sie einstellen?“ Frau Jablonski schaut mich eine gefühlte Ewigkeit an und sagt dann so fest und sicher, wie sie im ganzen Gespräch nicht war: „Weil ich hier einen guten Job machen möchte!“ Dieser eine Satz ist so klar, so unverblümt, so ehrlich und er überwiegt das ganze bisherige Geplänkel. Was kann ich mehr wollen, als eine junge Frau, die einen guten Job machen will? Frau Jablonski bekommt die Stelle.

Der Tipp: Trotz aller Optimierungsmöglichkeiten der Bewerbung, trotz all den wohlformulierten Sätzen im Anschreiben und der Ergänzung durch Hochglanzbilder sollte eine Bewerbung den Bewerber möglichst authentisch abbilden und nicht den Mainstream von Bewerbungscoaches wiedergeben. Spätestens im Bewerbungsgespräch wird die Kluft zwischen manipulierten Unterlagen und dem Wesen des Bewerbers bei uns Personalverantwortlichen hart aufschlagen.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de