Work-Life-Balance

Work-Life-Balance
Annalena Grießhaber
Bequem zurücklehnen und anhören.

Krasser hätte es in dieser Vorstellungsrunde gar nicht kommen können. Okay, es war nicht so ganz in Ordnung, dass ich eine Vollzeitstelle als Teilzeitstelle ausgeschrieben habe, die Arbeitsinhalte dabei aber unverändert ließ. Ich habe einfach nur kühl gerechnet. Die bisherige Stelleninhaberin hat sich in den letzten Jahren mit der Arbeit schwergetan. Sie hat den Umgang mit dem neuen Büromanagement nicht mitgetragen. Das papierlose Büro war für sie eine Arbeitsanweisung, die sie sorgsam abgeheftet, nicht aber befolgt hat. So hat sie beispielsweise viel Zeit damit verbracht, eintreffende E-Mails auszudrucken, sie mit einem Eingangsstempel zu versehen und ordnungsgemäß abzulegen. In einen Ordner, den sie eigens mit „E-Mail-Korrespondenz“ beschriftet hat. Sie hat auch wider besseren Wissens Tabellen in WORD erstellt, deren Inhalte mit dem Taschenrechner oder gar schriftlich berechnet und eingetragen, statt Excel zu verwenden. Am Können kann es nicht gelegen haben, denn sie hat insgesamt drei entsprechende Kurse besucht. Einen für Anfänger, einen für Fortgeschrittene und einen für Senioren. Die Umsetzung der mühsam erworbenen Kenntnisse ins Tagesgeschehen ist allerdings auf der Strecke geblieben. Und sie war in den letzten zwei Jahren viel krank gewesen. Ich muss aber auch eingestehen, dass sie die gute Seele der Abteilung war und deshalb hatte ich beschlossen, ihre mangelnde Arbeitsleistung bis zu ihrem Ruhestand auszusitzen. Nun steht ihr Ruhestand bevor und ich habe endlich die Chance auf einen Neuanfang. Ich kann mir realistisch vorstellen, dass man das zu übernehmende Aufgabengebiet auch in 75% der üblichen Arbeitszeit schaffen könnte. Sechs Stunden Arbeit täglich bringen für einen Arbeitgeber enorme Vorteile mit sich, denn man kommt um die Gewährung einer Mittagspause und vor allem den anschließenden Abfall der Leistungskurve herum. Rein statistisch arbeiten Teilzeitarbeitnehmer*innen auch gar nicht viel weniger, als ihre Kollegen*innen in Vollzeit. Dem Arbeitnehmer wiederum bleibt ausreichend Zeit, um sich der Familie zu widmen, Angehörige zu pflegen oder seinen Hobbys nachzugehen. Also ist es wichtig, in Erfahrung zu bringen, weshalb sich die Bewerber*innen für eine Teilzeitstelle interessieren.

Meine erste Bewerberin in diesem Auswahlverfahren, Karin Durlacher, brachte neben der formalen Eignung und ausreichend Berufserfahrung noch erhebliches ehrenamtliches Engagement mit. Kassenwartin im Hundesportverein, Sportbetreuerin im Mädchenturnen, Elternbeirätin am Gymnasium, Aushilfe in der Schulkantine. Das sehen wir Personal-entscheider erst mal positiv, denn jemand, der sich ehrenamtlich engagiert, zeigt, dass er nicht nur auf Geld fixiert ist. Mehr noch: jemand, der freiwillig Aufgaben übernimmt und für andere einsteht, bringt auf jeden Fall auch beruflich ein hohes Maß an sozialer Kompetenz mit. Auf meine Frage: „Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?“, ist Frau Durlacher mir dann aber fast an den Hals gesprungen. „Hören Sie mal, ich habe ein Haus, einen Garten, eine Familie, einen Hund und Ehrenämter. Und da fragen Sie mich allen Ernstes nach Freizeit?“ Nein. Ich frage mich, ob sie überhaupt die Zeit findet, zu arbeiten. Immerhin würde die Tätigkeit bei uns ihr sechs Stunden am Tag rauben; Fahrzeiten noch nicht mit eingerechnet. Wer, wie sie, so hart am Limit unterwegs ist, dass er auf eine einfache Frage derart ausrastet, sollte sein Engagement überdenken und eventuell etwas zurückfahren. Dass es noch eine Kehrseite der Medaille gibt, sollte ich im darauffolgenden Gespräch erfahren.

Meine B-Kandidatin, Annalena Grießhaber, ist zum Zeitpunkt des Gesprächs 26 Jahre alt und ledig. Sie hat keine Familie und vielleicht auch keinen Hund, kein Haus und keine Ehrenämter. Zumindest konnte ich das ihrem Lebenslauf nicht entnehmen. Vielleicht hat sie ja Zeit, zu arbeiten? Auch von ihr will ich wissen, weshalb sie sich auf eine Teilzeitstelle beworben hat und sie erklärt mir, dass sie einerseits bescheiden lebt und mit einem verminderten Entgelt auskommen kann und andererseits sehr auf ihre Work-Life-Balance achtet. „Ich hatte ja bisher immer eine Vollzeitstelle, aber ich habe nachgedacht und ich glaube, es die Arbeit, die meine Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht bringt.“, schließt sie ihre Ausführung. Da ist es wieder, dieses Reizwort. „Ja, ich beschäftige mich auch jeden Tag mir der Work-Life-Balance …“, sage ich versonnen, als Frau Grießhaber mir ins Wort fällt. „Das ist ja prima!“, flötet sie und erzählt mir von ihren zahlreichen Kursen zum Erlernen diverser Entspannungstechniken und ihren Aufenthalten in Nepal. Hätte sie mich den Satz fortführen lassen, dann hätte sie erfahren, dass ich sagen wollte: „Ja, ich beschäftige mich auch jeden Tag mit der Work-Life-Balance meiner pubertierenden Kinder.“ Deren konsequente Umsetzung einer Work-Life-Balance kann ich täglich nach dem Essen beobachten. Sie liegen dann regungslos und flach atmend auf ihren Betten und starren an die Zimmerdecke, während ich den Tisch abdecke, den Geschirrspüler einräume und die Küche auf Vordermann bringe. Aus dieser Schonhaltung erwachen sie erst, wenn ihr Smartphone akustisch den Eingang einer Nachricht vermeldet.  Sie verstehen es perfekt, sich vom stressigen Schulalltag zu erholen, um am Abend fit für diverse Freizeitaktivitäten zu sein. Und sie haben die beneidenswerte Eigenschaft, zu erkennen, was ihnen guttut. Ich glaube ohnehin, dass wir es hier nicht mit stark divergierenden Lebenseinstellungen, sondern mit einem Generationenkonflikt zu tun haben. Uns hat man früher beigebracht, dass man alles schaffen kann, wenn man nur will, dass nichts unmöglich ist und dass dem Fleißigen die Welt gehört. Und so glauben besonders die Frauen meiner Generation bis heute, dass sich Familie und Beruf unter einen Hut bringen lassen. Irgendwie.

Ich werde jäh aus meinen Gedanken gerissen, als Frau Grießhaber nachhakt: „Es ist doch hier sicherlich erlaubt, während der Arbeit Meditationspausen einzulegen? Ich meine im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements?“ Ich bin perplex. Bis eben dachte ich wirklich, dass Arbeitnehmer während der Arbeit arbeiten. Aber da scheint Frau Grießhaber wenig Interesse dran zu haben. Sie fragt lediglich nach ergonomischen Stühlen und einem zusätzlichen Stehpult, nach Luftaufbereitungsanlage und Granderwasser. Weder die Aufgabe noch arbeitsvertragliche Modalitäten scheinen sie zu interessieren. Sie hat ganz einfach andere Prioritäten; ich muss das akzeptieren. Es ist dann auch Frau Grießhaber, die unser Gespräch quasi beendet, als sie unvermittelt sagt: „Gut, Frau Schumann, haben Sie noch Fragen an mich? Ich will nicht drängeln, aber ich habe gleich mein Faszientraining. Damit kann man gar nicht früh genug anfangen.“ Nein, ich habe keine Fragen mehr an Frau Grießhaber, eher an ihre Eltern. Wann haben sie die kleine Annalena zu heiß gebadet? Was ist da schiefgelaufen? Ich verabschiede Frau Grießhaber freundlich und wünsche ihr alles Gute. Den Zusatz „auf ihrem weiteren Lebensweg“ verkneife ich mir gerade noch so. Aber ich bin mir sicher, dass wir uns so schnell nicht wiedersehen werden.

Beide Frauen bekommen übrigens die Stelle nicht. Die eine hat im Grunde genommen gar keine Zeit zu kommen, und die andere hat mehr als deutlich gemacht, dass die Arbeit ihr nicht wichtig ist. Ein Vorstellungsgespräch wegen Faszientraining abzubrechen ist schon beeindruckend konsequent. Aber in die falsche Richtung.

Der Tipp: Wenn Personalentscheider die Frage stellen “Wie verbringen Sie ihre Freizeit?“, dann sollte man aufzeigen, dass man einen Ausgleich zur Arbeit hat. Arbeitet man körperlich, sollte man sich ausruhen und entspannen, um am nächsten Tag wieder vollen Köpereinsatz zu bringen. Arbeitet man am vorwiegend am Bildschirm, hören wir gerne, dass man sich in der Freizeit sportlich betätigt. Alles sollte sich dabei irgendwie die Waage halten. „In Balance“ heißt eben auch, dass die Arbeit einen gewissen Stellenwert haben sollte.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de