Zucker

Zucker
Gwendoline Gruber
Bequem zurücklehnen und anhören

Ich gebe zu, ich kann sie nicht ausstehen: frisch gebackene Hochschulabsolventen. Jung, dynamisch und erfolglos. Dafür arrogant und eingebildet. Das zeigt, dass auch Personaler ihre Vorurteile haben. Aber woher kommt das? Das ist ein ureigener Trieb. Für gewöhnlich fällt man bei der Begegnung eines fremden Menschen in Bruchteilen von Sekunden die Entscheidung ob „Freund“ oder „Feind“. Das ist schon seit der Steinzeit so. Freund hieß bleiben, Feind hingegen bedeutete, es war angebracht, zu fliehen. Heute ist es komplizierter. Man merkt schon, dass man zu manchen Menschen eine Abneigung hat. Nur wie würde es aussehen, wenn man aus dem Besprechungszimmer stürmen würde? Nein, wir reißen uns zusammen und versuchen objektiv gegenüber Bewerbern zu bleiben. Und das ist gleich die nächste Hürde. Wenn man mit einem Messgerät ein Werkstück prüft, kann man von Objektivität sprechen, aber wenn ein Mensch einen anderen beurteilt, dann schwingt da immer eine gewisse Subjektivität mit. Das lässt sich nicht einfach ausschalten. Und es kommt darauf an, wie sympathisch uns unser Gegenüber ist; oder wie unsympathisch. Und infolge dessen kann es zu entsprechenden Beurteilungsfehlern kommen. Mal sehen wir den Bewerber durch eine rosarote Brille und im anderen Fall sind wir besonders skeptisch ihm gegenüber. Wir haben Erfahrungswerte und wir denken in Schub­laden. In der Fachsprache heißt das Stereotypenbildung. Und wahrscheinlich haben Personaler mit steigender Zahl an Berufsjahren mehrere solcher Schubladen, in die sie Menschen einordnen können. Das alles kann zu Beurteilungsfehlern führen. Wir wissen das. Um aber doch eine gewisse Professionalität an den Tag zu legen, versuchen wir, diesen Fehlerquellen nicht zu erliegen. Doch wenn ich ganz ehrlich bin, hat eine Bewerberin, die aussieht, wie meine Schwiegermutter, spricht wie meine Schwiegermutter und das gleiche Parfum trägt, wie meine Schwiegermutter keine reelle Chance auf eine Stelle in dem Unternehmen, in dem ich für die Stellenbesetzung verantwortlich bin.

Und nun sitze ich Gwendoline Gruber gegenüber. Passt nicht. Also der Vorname passt nicht zum Nachnamen. Gwendoline klingt nach Glamour, nach Erfolg und rotem Teppich. Gruber hingegen ist bodenständig, rustikal und bayrisch. Nun ja, sie ist ledig, vielleicht kann sie am Nachnamen noch drehen? Gwendoline zu Guttenberg. Das wäre doch fast schon musikalisch! Nun ja. Zurück zu den Tatsachen. Frau Gruber hat ihre Kleidung sorgfältig ausgewählt: wie alle anderen Bewerberinnen, die ich im Zuge dieser Stellenbesetzung bereits gesprochen habe, trägt sie einen dunkelblauen Business-Anzug mit einer weißen Bluse. Das ist wohl das Bild, das man von einer jungen Führungskraft im mittleren Management erwartet. Womit wir wieder bei falschen Erwartungshaltungen, Vorurteilen und Stereotypenbildung wären. Diesmal auf Seiten der Bewerber. Ihre langen Haare hat sie sorgsam zu einem Dutt zusammengesteckt. Das Make-Up ist nahezu perfekt und hat sicher eine geraume Zeit in Anspruch genommen. Während ich angespannt bin, weil ich versuche, sämtliche Vorurteile unter Kontrolle zu halten, provoziert sie mich mit einem lasziven Augenaufschlag und hakt nach, ob mein Vorgesetzter bald komme. Miese Recherche, meine Liebe, ich bin hier die Personalleiterin. Na, das kann ja heiter werden!

Ich überspiele diesen Eingangspatzer und frage, ob sie etwas trinken möchte. Sie ordert einen Kaffee. Eben das gebe ich über die Sprechanlage an meine Sekretärin weiter und bestelle das Gleiche für mich. Kurz darauf kommt meine Sekretärin und bringt uns zwei Gedecke. Auf mich wirkt allein schon der Duft des Kaffees beruhigend, während er in Frau Gruber Panik auslöst. Ich ahne, dass sie zur Fraktion der Latte-Macchiato-Trinker gehört. Für gewöhnlich genießt sie ein großes Glas mit viel Milch und – weil man dem Kindesalter ja bereits entwachsen ist – einem Schuss Kaffee. Hier blickt sie in eine Tasse mit tief schwarzem Kaffee, an dessen Kaffeetassenrand zwei kleine Milchdöschen liegen. Reflexartig sagt sie: „Ich kann doch ihre Milch bekommen?“. Nur weil ich eine gute Gastgeberin bin, gebe ich ihr meine beiden Döschen und werde folglich meinen Kaffee schwarz trinken, was nicht so ganz meinem Geschmack entspricht. Dann muss ich mit ansehen, wie sie nacheinander vier Milchdöschen in ihre Kaffeetasse entleert und sich dann an die Zuckerpäckchen macht. Beim Aufreißen des zweiten Päckchens passiert ein Malheur und viele kleine Zuckerperlen tänzeln über die dunkle Platte meines Mahagonitisches. Frau Gruber fackelt nicht lange, kehrt die Zuckerperlen sorgsam mit dem kleinen Finger der rechten Hand zur Tischkante hin, fängt alles in der linken Hand auf und kippt den Zucker zurück in die Tasse. Bei mir setzt Schnappatmung ein. Zugegeben, es wäre auch falsch gewesen, den Zucker in meine Richtung fortzublasen, die Perlen auf den Boden zu wischen oder zur nächsten Bürozimmerpflanze zu gehen, um den Zucker dort zu entsorgen; aber wie wäre es mit der Untertasse? Ich muss ihr zugutehalten, dass sie das im Business-Knigge-Seminar für Hochschul-Absolventen vielleicht nicht so ausführlich behandelt haben. Zweiter Minuspunkt, aber verzeihbar.

Schlimmer wird es dann, als sie mir mit offensichtlich vorgefertigtem und auswendig abgespultem Text versichert, dass wir ohne sie kaum Chancen haben werden uns weiter am Markt zu behaupten. An Arroganz kaum zu übertreffen. Ich hole sie in die Gegenwart unseres Gesprächs und ihre eigene Vita zurück und frage, ob sie denn schon einmal einen Ferienjob gemacht hat. Sie antwortet: „Nein, das hatte ich nicht nötig. Meine Eltern verdienen gut und konnten mein Studium bezahlen.“ Ups. Wenn sie etwas Demut gezeigt hätte und wenigstens gesagt hätte, dass sie die Semesterferien für die Bearbeitung einer Hausarbeit, die Vorbereitung einer Klausur oder der Erweiterung der Sprachkenntnisse genutzt hätte. Dritter Minuspunkt, unverzeihbar. Wider besseren Wissens kämpfe ich nicht länger gegen meine Vorurteile an und beende das Gespräch mit Frau Gruber zielstrebig. Bereits im Gehen, dreht sie sich in der Tür noch einmal zu mir um und fragt erwartungsvoll: „Und? Wie war ich?“

Nun, Frau Gruber, Sie sind nicht mehr im Studium und werden nicht für jede noch so kleine Leistung mit Punkten bewertet oder verbal gelobt. Sie sind an der Schwelle zum Arbeitsleben. Ich könnte an dieser Stelle im Auswahlverfahren ohnehin noch kein Statement, wie Sie es einfordern, abgeben, denn ich habe noch nicht mit allen infrage kommenden Bewerbern gesprochen. Und wer weiß? Vielleicht erlebe ich ja noch die ein oder andere Überraschung? Und nach dieser kurzer Pause, in der ich meinen Gedanken freien Lauf lassen konnte, sage ich: „Nun, Sie hören in den nächsten Tagen von mir!“ Die ausgeschriebene Stelle bekommt übrigens ein junger Mann, der ebenfalls über einen guten Abschluss verfügt, während des Studiums BaFöG bekommen hat, das er in den kommenden Jahren in Teilen zurückzahlen wird und in den Semesterferien gearbeitet hat. Um Gwendoline Gruber mache ich mir keine Sorgen, sie wird als sogenanntes KuKi (KundenKind) in einer Firma unterkommen, zu der ihr Vater gute Beziehungen unterhält.

Tipp: Es ist immer gut, seinen Marktwert zu kennen, sicher aufzutreten und ein gewisses Selbstmarketing zu betreiben. Aber Vorsicht! Die Grenze zur Überheblichkeit ist fließend. Und die hat letzten Endes auch Frau Gruber zu Fall gebracht. Auf der anderen Seite sollten Bewerber aber auch wissen, dass man im Laufe des Vorstellungsgesprächs sowohl Pluspunkte, als auch Minuspunkte sammeln kann. Ähnlich einem 100-Teile-Puzzle entsteht am Ende ein Gesamtbild. Und so kann man auch in diesem Fall nicht sagen, dass allein die Zuckerperlen Gwendoline Gruber den Job gekostet haben.

Um die Protagonisten zu schützen, wurden Orte, Zeiten, Namen und Personen verändert.
Zeichnung: © Jenny Joy Schumann | www.schumann-portraitzeichnungen.de

2 Kommentare zu „Zucker

  1. Die Geschichte Zucker ist eine unterhaltsame Einlage für die Mittagspause. Die Geschichte läuft wie ein Film im Kopf ab. Schön auch die einleitenden Worte über das Schubladendenken.

  2. Vielen Dank für die herrliche Geschichte!!!
    Ich muss richtig schmunzeln über Gwendoline Gruber. Genial!
    Mit so einem Start in den Montag kann der Rest der Woche nur gut werden.